Habe ich etwas aufgrund meiner Zwangsstörung verpasst?

Ab und an lässt mich ein Gedanke nicht los: meine Zwänge haben mich so vieles verpassen lassen.

Ich bin jetzt 41 Jahre alt und kann z.B. immer noch nicht richtig kochen und habe nie eine Weiterbildung gemacht. Kochen war für mich immer damit behaftet, dass ich erst die Küche keimfrei putzen musste und dann kam während des Kochens die Angst dazu, dass wenn z.B. Eier im Rezept waren, die Eier evtl. Salmonellen haben könnten. Dann ging der Gedankenkreis weiter, wenn das Ergebnis, z.B. ein Kuchen, nun nicht richtig durchgebacken ist und ich anderen ein Stück davon abgebe, könnten sie evtl. auch an Salmonellen erkranken. Und die Küche musste im Anschluss auch wieder richtig geputzt werden, damit auch wirklich keine Salmonellen noch irgendwo sein könnten.

Und wie ihr ja schon aus früheren Posts von mir gelernt habt, neigen Zwangserkrankte oft dazu, wenn sie etwas zu viel Kraft kostet, es zu vermeiden. Ihr ahnt es: richtig, ich habe es dann einfach irgendwann vermieden zu kochen und es dadurch nie so richtig gelernt.

Durch den Lockdown hatte ich ja dieses Jahr nur etwas mehr Freizeit und ja, diese habe ich auch u.a. dem Zubereiten von gesunden Mahlzeiten gewidmet, allerdings hauptsächlich mit dem Thermomix. Ich will es ja nicht gleich übertreiben 😉 Schritt für Schritt. Als nächstes stehen für mich Weihnachtsplätzchen auf dem Lern-Programm…

Was ich ebenfalls oft bedauere ist, dass ich nie studiert oder eine Weiterbildung gemacht habe. Zu den Zwang Zeiten war gar nicht daran zu denken und dann als ich sie überwunden hatte, hatte ich so einen anstrengenden Job, dass ich es kräftemäßig nicht geschafft habe. Durch den Jobwechsel im letzten Jahr hat sich das nun glücklicherweise verbessert und ich habe nun eine Weiterbildung geplant 🙂 Darauf bin ich so stolz und es macht mich einfach nur glücklich, dass ich auch in diesem Bereich weiterlernen kann.

Bitte versteht mich nicht falsch, die Zwangsstörung hat mich auch vieles gelehrt. Aber eben andere Dinge wie Achtsamkeit, Pausen einzubauen und für mich einzustehen. Ich bin sehr viel selbstbewusster geworden und kann schöne und lustige Momente viel mehr genießen.

Habt ihr auch manchmal das Gefühl, durch eine Erkrankung etwas verpasst zu haben?

Angehörige & Co-Abhängigkeit

Ein wirklich wichtiges Thema, über das ich gar nicht oft genug schreiben kann. Als Zwangserkrankte brauchte ich viel Rückbestätigung bzw. musste viel von meiner vermeintlichen Verantwortung auf meinen Freund abgeben, damit ich mich besser gefühlt habe oder einfach Zeit gespart habe.

Ganz zu Beginn wusste ich es einfach nicht besser und habe natürlich auf diesem Weg einfach Hilfe von ihm gesucht.

Doch mit Beginn meiner Verhaltenstherapie habe ich gelernt, dass ich meinen damaligen Freund/ jetzigen Mann NICHT in meine Zwangshandlungen und – Gedanken mit einbeziehen darf. Sogar das Gegenteil war der Fall: ich musste meinem Mann sagen, dass er mir NICHT helfen durfte, wenn ich darum bitten würde. Er musste dann wie folgt reagieren: „Auf diese Frage darf ich jetzt nicht antworten.“ Er durfte aber natürlich helfen, mich abzulenken etc.

Warum durfte er nicht helfen. Die Hilfe wäre nur für den kurzen Moment. Langfristig gesehen, hätte ich aber nicht gelernt, mich mit meiner Angst auseinander zu setzen sowie mein Selbstbewusstsein wiederaufzubauen und der Zwang hätte sich verstärkt.

Für Angehörige ist es sehr fordernd und anstrengend, mit Betroffenen zusammen zu leben. Je nach Zwang müssen sie sich auch häufig z.B. die Hände waschen oder dürfen bestimmte Bereiche nicht mehr betreten. Nicht zu vergessen, dass die Zwangserkrankten nicht bei ihren Ritualen unterbrochen werden dürfen, da sie dann wieder von vorne beginnen müssen. Es wird ziemlich viel Geduld von ihnen abverlangt.

Was können Angehörige nun also unternehmen? Die Deutsche Gesellschaft für Zwänge e.V. hat auf ihrer Homepage folgendes dazu veröffentlicht.

„Grundsätzliche Verhaltensempfehlungen sind natürlich nur ganz begrenzt möglich – da jede Familie anders ist. Als eine erste Orientierungshilfe können aber die untenstehenden Anregungen dienen.

1.) Geben Sie die Illusion auf, der Betroffene könne mit „Willenskraft“ oder „Disziplin“ seine Zwänge überwinden. Appelle wie „nun reiß Dich mal zusammen“ bringen ebenso wenig wie die Diskussion über Sinn und Notwendigkeit der Zwänge. Das löst bei den Zwangserkrankten, der sehr unter seiner Krankheit leidet, nur Schuldgefühle aus.

2.) Informieren Sie sich eingehend über die Erkrankung – zum Beispiel hier im Internet oder auch direkt bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen. Fragen Sie nach, ob es in ihrer Nähe Selbsthilfegruppen für Angehörige gibt. Je mehr sie über die Zwangserkrankung wissen, um so gezielter können sie den Betroffenen unterstützen.

3.) Versuchen Sie dem Betroffenen immer wieder deutlich zu machen, dass Sie seine Zwangssymptome – und nicht ihn oder sie als Person – zurückweisen.

4.) Zwänge entstehen nicht dadurch, dass jemand etwas falsch gemacht hat. Geben Sie deshalb möglichst weder sich – noch dem Betroffenen – die Schuld an der Störung.

5.) Bringen Sie den Betroffenen dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie selber können die Rolle des Therapeuten nicht übernehmen.

6.) Versuchen Sie, Grenzen zu setzen und nicht ihren kompletten Alltag von den Zwängen bestimmen zu lassen. Treffen Sie auch weiterhin Freunde und vernachlässigen Sie Ihre Hobbys nicht.

7.) Unterstützen Sie den Betroffenen möglichst nicht bei seinen Zwangsritualen – auf lange Sicht verstärken und stabilisieren Sie dadurch das Zwangsverhalten.

8.) Loben Sie den Betroffenen für Fortschritte – und kritisieren Sie ihn nicht für „Rückfälle“. Änderungen in der Stärke der Symptome – zum Beispiel eine entsprechende Zunahme unter Stress – sind vollkommen normal. Lob und Anerkennung sind wichtig, damit sich ein symptomfreies Verhalten verfestigen immer weiter durchsetzen kann.

9.) Lassen Sie die Erkrankung nicht zum Haupt-Familienthema werden! Planen Sie gemeinsame Aktivitäten, mit denen sich der Betroffene nicht überfordert fühlt.

10.) Es ist vollkommen normal, dass Sie ab und zu ärgerlich oder auch wütend sind.  Wichtig ist allerdings, wie Sie damit umgehen. Es ist besser, den Ärger zuzugeben als den anderen abzuwerten. Nimmt der Ärger jedoch Überhand, sollten Sie sich eventuell selber therapeutische Hilfe holen.

11.) Versuchen Sie, klare Absprachen zu treffen. Sagen Sie deutlich, was Sie können und wollen und was nicht.“

Meinem Mann kann ich nicht oft genug dafür danken, dass er immer zu mir gestanden und mich unterstützt hat. Ohne ihn hätte ich das alles nicht geschafft. Mein Schatz, ich liebe dich und bin dir für alles unendlich dankbar!

Verdacht auf Zwangsstörung – was nun?

Als bei mir dieser Verdacht vor über 15 Jahr aufkam, habe ich mich zuerst mit meinem damaligen Freund/ jetzigen Mann ausgetauscht. Der nächste Schritt war der Weg zu meinem Hausarzt. Ihm habe ich mich anvertraut und einfach drauf los erzählt, was ich vermutete und wie es sich anfühlte. Er hat glücklicherweise direkt erkannt, dass es sich um eine Zwangs-, gepaart mit einer Angststörung handelte. Daraufhin hat er mir eine Überweisung für Psychotherapie ausgestellt und mir den Tipp gegeben, dass ich mich an meine Krankenkasse wenden kann, um eine Liste mit Therapeut*innen zu erhalten, die mit meiner Krankenkasse kooperieren. Diese Liste habe ich damals noch per Post erhalten und einfach durchtelefoniert, um Termine zu vereinbaren.

Was ich sehr gut finde ist, dass es Probetermine mit den Therapeut*innen gibt und ich so die Möglichkeit hatte, mehrere kennenzulernen. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie viele (evtl. 3) ich tatsächlich wahrgenommen hatte, bis ich meine Therapeutin gefunden habe. Bei ihr habe ich mich direkt wohl und sicher gefühlt. Das war für mich damals das wichtigste.

Wenn ihr euch noch nicht sicher seid, ob ihr eine Zwangsstörung habt, könnt ihr euch diese Fragen der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen e.V. stellen. Sie schreibt, dass mit Hilfe der drei nachfolgenden Fragen zur Selbstdiagnose nach Rasmussen & Eisen rund 80 Prozent der Zwangsstörungen erkannt werden können:

1. Müssen Sie sich immer wieder Ihre Hände waschen?

2. Müssen Sie alles mehrmals nachkontrollieren?

3. Haben Sie Gedanken, die Sie belasten und die Sie nicht loswerden können?

Meine Top 3, um Zwangsstörungen keinen Raum zu geben

Das sind meine persönlichen Favoriten. Lasst es mich noch etwas genauer beschreiben, was ich damit meine:

1. Die Zwangshandlung NICHT durchführen

Angenommen der Zwang ist das Kontrollieren, ob der Herd auch wirklich aus ist. Meine Zwangshandlung war, mich vor den Herd zu stellen, die Schalter der Reihe nach durchzugehen, ob sie auch wirklich auf „0“ stehen. So wollte ich sicherstellen, dass das Haus nicht abbrennt, wenn ich nicht zu Hause bin.

Ganz wichtig ist, die Schalter NICHT zu kontrollieren. Denn je mehr Raum der Zwang bekommt, umso größer wird er. Anfangs kontrollierte ich nur, ob die Schalter auf „0“ stehen, dann kam dazu, zu checken, dass auch die Kontrolllämpchen auf der Herdplatte nicht rot leuchten und dann entstand sogar noch eine Kombination aus zu prüfen, dass Schalter 1 aus ist, auf den Oberschenkel klatschen, Schalter 2 aus ist, auf den Oberschenkel klatschen usw.

2.Kein Vermeiden von unangenehmen zwangsbehafteten Situationen

Als Beispiel nehme ich hier die Angst vor Kontamination, d.h. sich an irgendetwas anstecken zu können, bei dem Besuch einer öffentlichen Toilette.

Als mein Zwang schon recht ausgewachsen, hätte ich früher vermieden, auf diese Toilette zu gehen und so lange gewartet, bis ich zu Hause bin. Das hat zu immer längeren „Einhalten“ geführt und sogar zu Blasenschmerzen, was leider nicht wirklich gesund ist. Also gehe ich extra auf z.B. Restaurant-Toiletten, um mich weiterhin der Situation auszusetzen, so dass der Zwang gar nicht erst wieder aufkommen kann.

3.Und somit sind wir auch schon beim immer weiter üben bzw. dranbleiben.

Nur, weil ich die Zwänge einmal überwunden hatte, hieß das nicht, dass es dauerhaft so blieb. War mal eine Extremsituation und hatte ich zu viel Stress, kamen die Zwänge schleichend zurück. Denn durch den Stress, hatte ich weniger Kraft, weiterhin gegen die Zwänge anzukämpfen und mich zwangsbehafteten Situationen auszusetzen. Und Schwupps, da waren sie wieder…

Da spielten nun aber 2 Faktoren mir rein: 1. der Stress entzog mir die Kraft zum Üben, 2. ich habe mir nicht genug Pausen gegönnt und wieder das Gespür für meinen Körper verloren. Und da kommen dann wieder meine Helfer ins Spiel, die ich in vorherigen Posts schon beschrieben habe: Yoga, Meditation und Achtsamkeit.

Könnt ihr euch damit identifizieren? Habt ihr evtl. noch weitere Tricks, die bei euch gut wirken?

Jeder Mensch ist wertvoll und einzigartig

Heute möchte ich euch von einer Aussage erzählen, die meine Therapeutin in einer der Stunden in meiner dunkelsten Zwangsstörungsphase zu mir gesagt hat: „Sie sind wertvoll und einzigartig, einfach nur, weil sie in die Welt geboren wurden. Jeder Mensch ist das.“

Damals – ca. vor 10 Jahren – habe ich überhaupt nicht verstanden, was sie mir damit sagen wollte. Wir ihr wisst, habe ich mich gar nicht mehr gespürt und wusste zu dieser Zeit beim besten Willen nicht, was wertvoll oder einzigartig an MIR sein sollte.

Dieser Satz kam mir aber gerade in den letzten Monaten wieder öfter ins Gedächtnis. Wenn ich jetzt nach den vielen Übungen der Verhaltenstherapie, Yoga, Meditation und Achtsamkeit so darüber nachdenke, glaube ich, ihn zu verstehen. Jeder Mensch hat eine eigene DNA, die jeden Menschen einzigartig macht. Keinen Menschen gibt es 2x auf dieser Welt und das ist etwas ganz Besonderes und Wertvolles. Auch dich und auch mich!

An euch alle, denen es gerade nicht so gut geht: bitte vergesst das nie!

Unsicherheiten

Ich bin mir sehr sicher, dass ich meine Zwänge überwunden habe, aber… es gibt auch Ausnahmen.

Letzte Woche z.B. war ich beim Friseur. Ich hatte brav meine Stoff-Maske auf, mein Friseur ein Schild vor dem Gesicht und trotzdem kam so ein Gefühl in mir hoch. Was mache ich eigentlich hier? Muss ich wirklich in dieser Zeit unbedingt meinen Ansatz färben und meine Haare schneiden lassen? Ist es das wert, wenn ich evtl. jemanden anstecken könnte? Was es auch nicht besser gemacht hat, ist dass ich die Spucke Tröpfchen vom Reden in dem durchsichtigen Gesichtsschild des Friseurs gesehen und mich aus deshalb geekelt habe… einfach dieses bildliche, was man sonst immer nur in den Nachrichten liest. Diese Unsicherheit hängt ziemlich sicher auch mit dieser Corona-Zeit zusammen. Wir alle machen uns Gedanken und wollen alles richtig machen. Aber ganz ehrlich, dieser Tag des Friseurbesuchs war für mich gelaufen. Ich musste sogar duschen inkl. Haarewaschen, als ich zu Hause angekommen bin. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich daraufhin dann auch noch ins Zweifeln kam, ob die Zwänge zurückkommen und wie ich es wagen kann, einen Blog zu schreiben, in dem ich hauptsächlich beschreibe, dass ich meine Zwänge überwunden habe. Bin ich eine Hochstaplerin… Ganz ehrlich, ich war kurz davor den Blog nicht weiter zu schreiben. Und in diesem Moment kam eine Nachricht von einer lieben Freundin, die immer gnadenlos ehrlich ihre Meinung sagt. Sie hat mir geschrieben, dass sie meinen Schreibstil sehr, sehr gut findet. Das war für mich ein Zeichen – genau in diesem Moment diese Nachricht.

Und jetzt ein paar Tage und ein paar Gespräche mit weiteren Freundinnen später, schreibe ich weiter. Einfach weil auch ich solche Zweifel und Unsicherheiten empfinden darf. Der Eindruck, dass meine Zwänge zurückkommen, ist wieder verschwunden. Das soll keine Ausrede sein, aber ich habe öfter schon die Vermutung, dass ich kurz vor meiner Periode den Eindruck hatte, dass ich nicht so stabil und ängstlicher generell ängstlicher bin. Evtl. hing es auch damit zusammen. Was auch immer es ist/ war, ich mache weiter!

An alle, die auch betroffen sind, kennt ihr diese Gefühle auch und an die weiblichen Leserinnen, habt ihr auch in Zusammenhang mit PMS manchmal den Eindruck, dass sich eure Symptome in dieser Zeit verstärkt zeigen oder ihr unsicher und ängstlicher seid?

P.S. Ich habe es gestern bei schönstem Wetter übrigens in den Wald geschafft. Es hat so gutgetan und hat mir auch beim Erden geholfen. Das Foto aus dem heutigen Post ist dort gestern entstanden.

Raus in die Natur

Gestern und heute kam mal wieder die Sonne raus. Es hat richtig gut getan, mal wieder mehr Zeit draußen zu verbringen. Überhaupt ist der goldene Herbst meine liebste Jahreszeit. Dieses leuchtende rot, orange, gelb und dunkelgrün! Für heute Nachmittag hatte ich mir dann vorgenommen mit den Hunden in den Wald zu gehen – haha, ich lache immer noch, wenn ich mal Pläne mache: es hat geregnet! Und wer auch Möpse hat, weiß, dass sie Regen nicht unbedingt lieben. Also gab es nur eine kurze Gassi-Runde und danach schwelgte ich in Erinnerungen. Von Zeiten, die ich damals mit Lilli (als Max noch nicht bei uns zu Hause war) noch alleine im Wald verbracht habe. Stundenlang sind wir durch die unterschiedlichen Baumarten bergauf- und bergab gelaufen, haben der Stille gelauscht und die gute Luft eingeatmet. Wir haben neue Wanderwege wie Abenteuerinnen getestet und die Aussicht von Plattformen genossen. Danach sind wir total ausgepowert, aber glücklich auf die Couch gefallen.

Der Wald hat einfach eine beruhigende Wirkung auf die Sinne und nach einem Spaziergang dort, fühle ich mich immer geerdet und entspannt. Das hätte ich gerne heute mal wieder genossen, aber das holen wir hoffentlich bald nach!

Liebt ihr auch Spaziergänge im Wald und hat der Wald auf euch auch so eine beruhigende Wirkung?

Offener Umgang im Berufsleben?

Die Anstrengung, unsere Zwangsstörungen – hauptsächlich im Job – zu verheimlichen, ist on top zu unseren Zwängen einfach zu viel.

Ich denke heute nach vielen Jahren symptomfrei noch oft daran, wieviel leichter mein Leben, als meine Zwangsstörungen noch akut waren, hätte sein können. Ich hätte z.B. meine Kolleg*innen ins Vertrauen ziehen können und sie um Unterstützung bitten können. Meine Führungskraft hätte ich informieren können, einfach damit ich mich nicht noch zusätzlich anstrengen muss, die Zwänge geheim zu halten. So viel Kraft flossen jeden Tag in die Zwangshandlungen, – gedanken und -rituale. Unvorstellbar, wenn man so etwas nicht selbst einmal erlebt hat.

Nachdem ich diese Woche an alle 3 Livesessions von shitshow mitverfolgt habe, muss ich aber leider für mich immer noch folgendes Fazit ziehen: wir müssen bedacht damit umgehen, mit wem wir über unsere Zwangserkrankung sprechen. Es kommt leider immer noch vor, dass Führungskräfte nicht richtig damit umgehen können und die Arbeitgeber*innen sitzen am längeren Hebel. Gerade in alteingesessenen konservativen Firmen, ist leider noch nicht genug Aufklärungsarbeit geleistet worden bzw. in den Köpfen der meisten Führungskräfte noch nicht die aktuelle Situation angekommen. In Startups oder anderen innovativen Unternehmen hingegen schon. Und dann ist es wiederum immer noch von der Führungskraft abhängig, d.h. wie sie zu psychischen Erkrankungen steht und wie gut sie sich damit auskennt und umgehen kann.

Bevor ich meinen Blog gestartet habe, war mein größter Struggle, ob ich diesen anonym schreibe oder nicht. Mein Bauch und mein Herz schreien auch heute noch, dass ich mich zeigen möchte, um noch authentischer zu sein. Noch mehr von mir und meinem jetzigen Leben erzählen zu können, doch ganz ehrlich, mein Verstand sagt mir leider immer noch „Vorsicht“. Ich glaube, mein jetziger Arbeitergeber könnte gut mit dem Thema umgehen, doch lasst uns mal weiter überlegen. Was, wenn ich den Job mal wechseln muss, was wenn ich einen neuen potentiellen Job nicht bekomme, nur aufgrund meiner Vergangenheit. Und dann ist die Frage, möchte ich überhaupt in so einem Unternehmen arbeiten, dass mich deshalb „aussortiert“. Für mich persönlich ist es eine absolute Stärke, die Zwänge überwunden zu haben. Und auch einen Blog darüber zu schreiben, um anderen zu helfen und Mut zu machen. So viele offene Fragen…

Wie geht ihr damit um? Denkt ihr, ich bin zu vorsichtig? Sprecht ihr eure psychischen Erkrankungen schon im Lebenslauf oder im Bewerbungsgespräch an? Oder erst nach der Probezeit? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und gibt es diesen überhaupt? Kennt ihr Vorbilder, die schon länger in Angestelltenverhältnissen sind und dort auch offen damit umgehen? Ich wäre euch für euren Rat und Tipps wirklich super dankbar.

Auszeiten, Ruhe & der Wunsch nach einem offenen Umgang im Büro

Was mir Corona dieses Jahr gelehrt hat ist, wie wertvoll Ruhe und Auszeiten für mich sind. Sie helfen mir dabei, mich zu spüren. Mein Job war und ist sehr hektisch, ich muss wahnsinnig schnell umdenken sowie umplanen und kann nicht immer so selbstbestimmt arbeiten wie ich mir das wünschen würde.

Durch die Corona bedingte Zwangs-Auszeit in diesem Jahr, ist mir erstmal aufgefallen, in welchem Hamsterrad ich mich seit Jahren befunden habe und manchmal noch befinde. Nur für den Job gelebt, Überstunden über Überstunden, lange Fahrtwege ins Büro und zurück, und dann abends so erschöpft, dass keine Kraft mehr für gesundes Kochen, Sport, Freund*innen und Hobbies blieb.

Nun hatte ich also jeden Tag 2-3 Stunden Quality-Time, konnte einfach mal nur durchatmen, in der Sonne sitzen, Zeit mit meinem Mann und den Hunden verbringen und mir wurde so nach und nach bewusst, wozu ich in den letzten Jahren nicht gekommen bin. Endlich konnte ich so vieles ausprobieren: Yoga-Challenges mit Mady Morrison, intuitives Essen, Udemy-Kurse, intensiver Podcasts hören, Ernährung umstellen auf vegetarisch – vegan teste ich noch, usw.

Meine Meditations- und Achtsamtskeitspraxis haben mir beim Reflektieren geholfen, was mir wichtig ist und wofür ich mich zukünftig engagieren möchte. Ich habe viele Jahre nach einem Sinn gesucht und ich glaube ihn nun gefunden zu haben: ich möchte anderen, die auch von Zwangsstörungen betroffen sind, mit diesem Blog helfen. Einfach meine Erfahrungen teilen, was mir geholfen hat, sie zu überwinden und somit Mut zu machen, dass sie es auch schaffen können.

Gleichzeitig möchte ich Zwangsstörungen entstigmatisieren – vor allem im Berufsleben. Es wäre mir eine Herzensangelegenheit, wenn alle Betroffenen ihre Krankheit nicht verstecken müssten. Die Krankheit an und für sich ist so schon kräftezehrend genug und dann müssen wir sie auch noch zusätzlich verstecken, da wir befürchten, unseren Job zu verlieben, wenn unsere Arbeitgeber davon erfahren. Was übrigens auch der Grund ist, warum ich diesen Blog anonym schreibe.

Mein Wunsch ist es, dass ich eines Tages auch im Büro offen über Zwangsstörungen sprechen kann. Shitshow widmet sich diese Woche unter anderem genau diesem Thema. Morgen um 16:00 Uhr geht’s los mit einem Insta-Live dazu.

Ich bin sooo gespannt, was sie dazu sagen und was sie empfehlen, es umzusetzen.

Meine Helfer – Teil 2: Meditation & Achtsamkeit

Zum Meditieren bin recht spät gekommen. Tatsächlich versuche ich erst seit fast einem Jahr, täglich ein paar Minuten zu meditieren. Ich habe mir eine App ausgesucht und zuerst mit einem Achtsamkeitskurs begonnen. Dieser war sehr ausführlich und wurde sogar zu fast 100% von meiner Krankenkasse übernommen. Der Kurs bestand aus 8 Modulen und fing immer mit einem theoretischen Teil an und endete mit einer kurzen Meditation. Bis zum nächsten Kurs gab es eine Hausaufgabe wie z.B. mal etwas eine Woche lang anders machen als gewohnt. Das musste nur etwas ganz Kleines sein, wie z.B. mal einen anderen Weg zur Arbeit zu fahren. Oder dass man bewusst etwas genießen soll – ich habe mich z.B. über den kleinen Park vor meinem Büro gefreut oder einfach, dass mich jemand auf der Straße zurück anlächelt.

So habe ich nach und nach neue Erfahrungen gemacht und mir Achtsamkeit als tägliche Routine in meinen Alltag eingebaut. Und das mit allen Tricks, dass ich es auch nicht vergessen: Smartphone reminder, Post it am Laptop etc.

Durch das Meditieren am Ende eines jeden Moduls, bin ich auch mehr und mehr darauf aufmerksam geworden. Ich habe verschiedene Wege gelernt, wie ich meine Gedanken beruhigen kann bzw. während der Meditation die Gedanken wieder loszulassen und mich nur auf die Meditation zu konzentrieren. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Meine liebsten sind z.B. sich die Gedanken als Boot auf einem See vorzustellen, das auf dem Wasser weiterzieht. Oder sich komplett auf das ein- und ausatmen zu konzentrieren und je nach Bedürfnis mit dem Einatmen ein bestimmtes Wort zu denken (wie Kraft) und beim Ausatmen ein anderes Wort (wie Gelassenheit).

Es ist wirklich erstaunlich wie beruhigend und erdend beides auf mich wirkt. Außerdem hilft mir die Achtsamkeit unheimlich bei meinem Selbstbewusstsein, da ich mich immer ein bisschen besser spüren kann.

Wie sind eure Helfer und Erfahrungen? Falls ihr auch mit Wörtern meditiert, welche helfen euch am besten?