Erfahrungsexpertin Zwangsstörungen

Erfahrungsexpertin Zwangsstörungen

Erfahrungsexpertin Zwangsstörungen

Hallo, ich bin Jess. Als Erfahrungsexpertin Zwangsstörungen ist meine Herzensangelegenheit die Aufklärung von Zwangserkrankungen. Mit meinem Blog möchte ich allen Mut machen und Hoffnung spenden, die ebenfalls betroffen oder Angehörige von Betroffenen sind. Mut machen und Hoffnung spenden, dass es einen Weg zur Überwindung bis zur Heilung gibt und dass wir offen darüber sprechen dürfen.

Der Name meines Blogs „Freiheit und Vertrauen“ ist übrigens entstanden, da ich positiv über den Umgang mit Zwängen berichten möchte. Diese beiden Begriffe bedeuten für mich das genaue Gegenteil einer Zwangsstörung (Zwang und Kontrolle).

Etwas über 2 Prozent der gesamten Bevölkerung leidet unter dieser Krankheit. Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass immer noch so wenig Zwangserkrankte offen darüber sprechen. Vermutlich, weil es leider immer noch ein Tabu-Thema ist. Auch ich habe lange Zeit benötigt, diesen Schritt zu gehen und offen über meine Erfahrungen zu berichten.

Mir hat ein offener Austausch immer gefehlt. Ich habe mich zusätzlich zu meiner Krankheit noch dafür geschämt, diese zu haben, und es jahrelange geheim gehalten. Dafür musste ich zusätzlich viel Kraft aufbringen. Nun ist es an der Zeit, offen und gerne auch humorvoll über Zwangsstörungen zu sprechen.

Vielleicht fühlst du dich ähnlich und freust dich über eine solche Plattform. Dann schreibe mir gerne. Ich freue mich auf deine Nachrichten und Kommentare.

Ich bin keine Therapeutin, Psychologin oder Ärztin, sondern eine Betroffene, die über ihre Erfahrungen mit Zwangsstörungen berichtet und aufklären möchte. Solltest du den Verdacht hegen, dass du ebenfalls betroffen sein könntest, empfehle ich dir, dich an deine*n Hausärzt:in zu wenden. Dort wird dir mit den nächsten Schritten geholfen.

Zwangsstörungen

… oder das Gefühl bei vollem Verstand verrückt zu werden

Ist der Herd auch wirklich aus. Ich schaue auf Knopf 1, klatsche auf meinen Oberschenkel und sage „1 aus“, schaue auf Knopf 2 klatsche auf meinen Oberschenkel und sage „2 aus“. Weiter geht es mit Knopf 3 und 4. Danach muss ich auf die Leuchtanzeige schauen, ob das Licht auf der Herdplatte aus ist. Im Dunkeln ist das relativ einfach: Lichtschalter aus und schon leuchtet das rote Lämpchen offensichtlich. Scheint die Sonne wird das Erkennen des Lichts schon schwieriger bzw. ist es manchmal gar nicht möglich zu erkennen. Unsicherheit steigt auf, Gedanken beginnen in meinem Kopf zu kreisen, was wenn ich jetzt die Wohnung verlasse und es anfängt zu brennen, wenn ich nicht mehr hier bin. Wenn es keiner schnell genug bemerkt, das Feuer sich ausbreitet und die kleinen Kinder im ersten Stock des Wohnhauses oder der Senior im Erdgeschoss durch das Feuer ums Leben kommen. Diese Schuld kann ich nicht auf mich nehmen. Alle unsere liebgewordenen Dinge und wichtige Unterlagen für immer zerstört wären. Das muss ich verhindern. Ich schaue auf Knopf 1, klatsche auf meinen Oberschenkel und sage „1 aus“….

Das ist wohl der Klassiker unter den Zwangsstörungen: ein Zwangsgedanke „der Herd könnte Feuer fangen“ wird mit einer Zwangshandlung „dem Kontrollieren, ob der Herd auch wirklich aus ist“ versucht zu lösen. Doch gebe ich der Handlung nach, fühlt sich der Gedanke bestärkt und kommt immer häufiger und stärker zurück.

2008 war bei mir der Höhepunkt der Zwangsstörungen erreicht. Ca. 100 unterschiedliche Zwänge haben mein Leben so eingeengt, dass nichts mehr ging. Tagelang saß ich einfach nur auf der Couch, selbst essen machen, war nicht mehr möglich. Das Essen könnte laut meinen Zwangsgedanken kontaminiert sein, weil es jemand anderes vorher angefasst hat und somit Bakterien oder seine Viren darauf verteilt haben könnte. Also aß ich Toast mit Nutella. Das ging in meiner damaligen Welt am einfachsten. Die Wohnung verlassen war schon gar nicht mehr möglich, so viele Viren, die draußen in der großen Stadt auf mich lauerten. Meine Hände waren schon rissig vom vielen Händewaschen. Ich hatte eine richtig große Mischung aus Zwangsgedanken und Zwangshandlungen angesammelt, die mich in meinem Leben so einschränkten, dass ich nichts mehr mit Freund*innen unternahm. Niemand sollte mitbekommen, dass mit mir was nicht stimmt. Ich fühlte mich, als würde ich bei vollem Verstand verrückt werden. Wenn man Zwangsstörungen hat, weiß man, dass diese nicht real sind, kann sie aber trotzdem nicht abstellen und schämt sich dafür. Ich wurde immer einsamer, zog mich immer mehr zurück, bis ich dann auch nicht mehr arbeiten konnte. Zum Glück stand mein Mann, damaliger Freund, an meiner Seite und hat mich unterstützt. Nun brauchte ich professionelle Hilfe.

In den vielen Jahren nach der Verhaltenstherapie hatte ich 2 kurze, aber heftige Rückfälle. Einer war bedingt durch das Absetzen der SSRI. Der andere war in der Corona-Zeit und hatte multifaktorielle Gründe. Zum Glück bin ich aber gut versorgt mit Übungen, Tools etc., die mir schnell wieder aus der Situation herausgeholfen haben. Heute lebe ich ein schönes Leben.

Die Lösung war eine kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit SSRI (Anti-Depressiva). Die Tabletten halfen mir, um erst mal wieder auf ein Niveau zu kommen, dass ich nicht ständig von meinen Zwängen gefesselt war. Dass ich wieder ins Auto steigen konnte und zu meiner Therapeutin fahren konnte, um die Verhaltenstherapie zu beginnen. Denn selbst das Autofahren, war mit einem Zwangsgedanken verbunden: was, wenn ich jemanden überfahren habe, weil ich kurz nicht 100%ig aufmerksam war. Dann musste ich zu der Stelle zurückfahren, um zu kontrollieren, dass nichts passiert war.

Erfahrungsexpertin

Seit meinem frühen Teenager-Alter habe ich eine Zwangsstörung. Diagnostiziert wurde sie erst als ich Mitte 20 war. Mit Ende 20 hatte mich meine Zwangsstörung voll im Griff. Um die 100 verschiedenen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen haben mir die Freiheit geraubt. Ich saß nur noch auf der Couch und starrte vor mich hin. Doch Dank einer kognitiven Verhaltenstherapie in Kombination mit SSRI habe ich mir mein Leben zurück erobert. Seitdem hatte ich 2 kurze, aber heftige Rückfälle. Jetzt mit 44 Jahren und mittlerweile als Erfahrungsexpertin Zwangsstörungen lebe ich ein schönes Leben mit Zwangserkrankung. Mit meinem Mann und unseren beiden Hunden wohne ich in einem kleinen alten Haus, das wir nach und nach renovieren.

  • Im Juli 2020 habe ich meinen Blog freiheitundvertrauen.de sowie meinen Instagram Account @freiheitundvertrauen gestartet. Dort nehme ich dich mit, um über Zwangsstörungen aufzuklären, anderen Betroffenen und deren Angehörigen Mut zu machen und Hoffnung zu spenden.
  • Im September 2022 wurde ich zum Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ e.V.) gewählt.
  • In den letzten beiden Jahren durfte ich bereits in einige Podcasts meine Geschichte erzählen und wurde auf unterschiedlichen Kanälen interviewt.

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