Perspektivenwechsel: Der Zwang ist eigentlich etwas Positives – er hilft mir dabei, mich vor Gefahren zu schützen – eigentlich ;)

Als meine Zwangsstörungen mein Leben mal wieder sehr eingeengt und dominiert haben, hat meine Therapeutin diesen Satz zu mir gesagt: „Versuchen Sie, den Zwang als Helfer anzuerkennen. Denn so werden Sie auch vor Gefahren gewarnt.“

Damit hat sie bei mir gleich 2 Volltreffer gelandet: zum einen, dass ich angefangen habe, darüber nachzudenken, dass die Zwänge mein Leben nicht nur einschränken, sondern mir auch helfen. Zum anderen die Zwänge als Teil meines Lebens anzunehmen und nicht immer zu versuchen, sie wegdrücken zu wollen.

Das war für mich wie eine Art Perspektivenwechsel. Bisher habe ich die Zwänge immer nur als lästig und störend empfunden. Doch aus dieser anderen Sicht konnte ich sie besser annehmen und somit auch besser mit ihnen arbeiten, z.B. meine Übungen aus meiner Verhaltenstherapie.

Mal ein Beispiel um zu verdeutlichen was ich meine: nehmen wir meinen Zwang, die Haustür zu kontrollieren, ob diese auch wirklich zu ist. Der Zwang ließ mich immer und immer wieder nachschauen und prüfen, ob die Tür wirklich zu ist und oftmals kam ich viel zu spät zur Arbeit oder zu Verabredungen. Aber an und für sich ist es sinnvoll, die Tür abzuschließen, wenn man nicht zu Hause ist. So tritt die Versicherung in Kraft, wenn Einbrecher sich die eigene Wohnung ausgesucht haben usw.

Die Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. hat einen für meine Begriffe sehr treffenden und gut nachvollziehbaren Text geschrieben, den ich euch wie immer für einen optimalen Lesefluss im folgenden einfüge:

Die Rolle der Emotionen

Neben einer bestimmten Genstruktur sind aber auch in noch entscheidenderem Ausmaß bestimmte Lernerfahrungen für die Entstehung einer Zwangsstörung verantwortlich. Dabei geht es vor allem um die mangelnd ausgeprägte Fähigkeit Zwangsbetroffener, mit unangenehmen Emotionen, insbesondere Aggression und Angst umzugehen. Diese Gefühle erscheinen den Betroffenen äußerst unangenehm bis unerträglich, so dass sich bei ihnen bestimmte Mechanismen entwickelt haben, um diese Emotionen nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Solche Phänomene sind als sog. „Übersprungshandlungen“ auch aus der Forschung mit Säugetieren bekannt (sog. vergleichende Verhaltensforschung). Das Prinzip geht folgendermaßen: Ein Lebewesen kommt in eine als ausweglos erlebte Stresssituation, welche höchst unangenehme Gefühle verursacht; entfliehen kann es nicht, also nimmt es zur Stressreduktion Zuflucht zu Verhaltensgewohnheiten, die sich in der Vergangenheit aus irgendwelchen Gründen in Problemsituationen bewährt haben. Im Tierreich sind dies z.B. Putzverhalten, bestimmte Wegemuster ablaufen (die sich einmal bewährt haben) oder aber auch Haareausreißen. Auf einen Außenstehenden wirkt dies üblicherweise bizarr. Tatsächlich aber hat solches Verhalten einen guten Grund: Fellpflege z.B. ist ein an sich nützliches Verhalten, also prüft der Organismus, ob es sich in einer Stresssituation bewährt. Entsprechend ist es bei Zwangsbetroffenen: Die Hauptzwangsthemen Waschen, Kontrollieren und Sammeln sind in der Entwicklungsgeschichte des Menschen von Nutzen, deshalb ins genetische Erbe eingegangen und werden deshalb in Stresssituationen als Übersprungshandlungen bemüht. Stresssituationen aber sind z.B. zwischenmenschliche Probleme und die von ihnen verursachten starken Ängste oder Ärgergefühle, so dass der Organismus versucht sich auf diesem Weg zu helfen. Die oben erwähnte genetische Disposition sorgt dann dafür, dass es in der Endausprägung zu einer Zwangsstörung kommt, und nicht etwa zu einer Phobie oder Depression.

Es liegt auf der Hand, dass solche kritischen Emotionen natürlich durch übliche zwischenmenschliche Konflikte ausgelöst werden, also z.B. Partnerprobleme, Probleme mit der Herkunftsfamilie und Schwierigkeiten am Arbeitspatz, um die wichtigsten zu nennen. Die Ausbildung einer Zwangssymptomatik dient der innerpsychischen Stressregulation, vermindert also das Leiden unter den problematischen Gefühlen bei Problemkonstellationen, an welchen man momentan nichts ändern kann. Darüber hinaus ist es sogar sehr oft so, dass das Bemerken des Zwangssymptoms durch die Umwelt zu Schonung, Rücksichtnahme etc. führt, was letztlich für den Betroffenen durchaus nützlich sein kann. Man spricht dann von einer sogenannten „Funktionalität“, die auf lange Sicht in vielen Fällen zur Hauptursache bei der Aufrechterhaltung einer Zwangsstörung wird.

Ein Leben mit Mops

freiheitundvertrauen.de

Als es mir schon wieder sehr viel besser ging, kam in mir der Wunsch auf, einem Mops bei uns ein Zuhause zu geben. Lange haben mein Mann und ich überlegt wie wir das organisatorisch umsetzen können, da wir beide in Vollzeit arbeiten und das damals noch nicht vom Homeoffice aus.

Eines Tages hatten wir die Lösung gefunden: mein Schwiegervater ging in Rente und freute sich auf ein neues „Projekt“. Somit konnten wir mit der Suche beginnen. Wir haben unsere erste Mops-Hündin Lilli aus einem unseriösen Mopszucht-Haushalt gerettet, als sie 4 Jahre alt war. Nachdem wir uns gegenseitig aneinander gewöhnt hatten, wuchs unser Vertrauen und es hat sich eine starke Bindung entwickelt.

Als es mir einmal nicht so gut ging und meine Gedanken kreisten, hat sich Lilli auf meine Brust gelegt und die negativen Gefühle haben direkt nachgelassen. Ich fühlte mich direkt ruhig. Das ist nur ein Beispiel, oftmals muss sie mich auch einfach nur anschauen oder mich an den Beinen streifen und schon fühle ich mich geerdet. Lilli begleitet uns nun schon seit 7 Jahren und ist unser größtes Glück zusammen mit unserem Neuzuwachs Max, übrigens auch ein „geretteter“ Mops 🙂

Hunde haben eine positive Wirkung auf die Stimmung von Menschen, das wurde von einigen Studien belegt. Vor allem Menschen mit Depressionen und Angstgefühlen hilft der Kontakt zu den Hunden. Dieser kann das Oxytocin-Level erhöhen. Oxytocin ist ein Hormon, das soziale Bindungen stärkt und Geborgenheitsgefühle erzeugt. Außerdem reduziert es Stress und hebt die Stimmung.

Mit dem Hund Gassi gehen und sich somit jeden Tag an der frischen Luft zu bewegen, stärkt zudem das Immunsystem.

Was erdet euch bzw. was hilft euch, euch zu beruhigen?

Sender & Empfänger – wie kommen Zwangshandlungen bei Menschen an, die nichts von der Zwangsstörung wissen

Heute möchte ich euch eine kurze Geschichte erzählen, zu welchen Missverständnissen es kommen kann, wenn andere nichts von eurer Zwangsstörung wissen.

Mein Beispiel ist, dass ich öfter bei meiner lieben Schwiegermutter zu Besuch war und nach dem Händewaschen nie das oberste Handtuch nehmen konnte. Dieses Handtuch war für mich kontaminiert, einfach weil es oben auf lag und dort irgendein Schmutz oder sonstiges – für mich nicht hygienisches – drauf sein könnte. Also nahm ich immer das 2. Handtuch von oben und somit war mein Zwang befriedigt und meine Hände für mich sauber.

Irgendwann hat meine Schwiegermama, die übrigens einer der saubersten Menschen ist, die ich kenne, mich darauf angesprochen. Sie fragte mich, ob ich denke, sie sei nicht ordentlich bzw. hygienisch und war fast ein wenig aufgebracht. Da war für mich der Moment gekommen, mich ihr anzuvertrauen und ihr von meiner Zwangsstörung zu berichten. Dass es gar nichts mit ihr zu tun hat, sondern eben einfach mein Zwang ist, dass ich nicht das oberste Handtuch benutzen kann. Somit war mit einer einfachen, offenen Unterhaltung dieser ungute Moment zwischen uns geklärt.

Kennt ihr auch solche Momente und Missverständnisse?

Nach vielen Jahren meinen Freundinnen anvertraut

„Ich habe nie etwas davon bemerkt“ oder „Ich dachte einfach immer nur, du seist besonders gründlich bzw. gut strukturiert“ so oder so ähnlich waren die ersten Antworten von meinen Freundinnen als ich das erste Mal im letzten Jahr offen mit ihnen darüber gesprochen habe. Und ich muss dazu sagen, meine Freundinnen sind sehr einfühlsame Ladies mit hohem Emotionalen Quotienten. Anscheinend habe ich es tatsächlich über viele Jahre geschafft, es selbst vor ihnen zu verbergen. Was das aber für Anstrengungen mit sich gebracht hat und wie oft ich mir gewünscht habe, es ihnen einfach zu sagen. Irgendwas hat mich immer zurückgehalten. Vermutlich die Angst, den Job zu verlieren und die Scham, für verrückt gehalten zu werden.

Doch nun überwiegt mein Anliegen, die Entstigmatisierung von Zwangsstörungen und Betroffenen Mut zu machen.

Zwischen meinen Freundinnen und mir hat sich seitdem nichts verändert – sie schauen mich nicht komisch von der Seite an 😉 Halt, das stimmt so nicht, es hat sich etwas verändert. Sie sind mir noch mehr ans Herz gewachsen, unser gegenseitiges Vertrauen ist noch größer geworden und sie können mich viel besser einschätzen, wenn ich sie z.B. um einen Rat bitte. Das ist so ein tolles Gefühl! Danke an euch wundervolle Ladies!

Sprecht ihr mit Freund*innen oder einer Vertrauensperson über eure Zwänge? Wie geht ihr damit um?

Mein Erste-Hilfe Notfall Tipp

Wie in dem Post Wissenswertes über Zwangsstörungen bereits erwähnt, gilt es generell, dem Zwang nicht nachzugeben, um ihn zu bekämpfen.

Muss ich mir jetzt die Hände waschen oder nicht – im Zweifelsfall aushalten und den Zwang NICHT zulassen. Und das musste ich immer und immer wieder üben. Sobald ich dem Zwang nachgegeben habe, wurde er größer und trat öfter auf. Habe ich ihm aber keine Beachtung geschenkt, wurde er kleiner bzw. ist komplett verschwunden.

War es allerdings mal kein Kontrollzwang, sondern ein Zwangsgedanke, ging das nicht ganz so einfach. Dann ist das einzige, was mir damals geholfen hat, mich mit der folgenden Atem-Übung an einen ruhigen Ort zu begeben:

  • Auf einen Stuhl setzen, beide Füße auf den Boden, die linke Hand auf das linke Bein legen, die rechte Hand auf das rechte Bein
  • Beim Einatmen über die rechte Seite Zuversicht und neue Kraft aufnehmen
  • Kurz Atem anhalten
  • Beim Ausatmen alles Negative und Beängstigende über die linke Seite raus fließen lassen
  • Wiederholen bis die Angst weniger wird

Schreib mir gerne in die Kommentare oder per PN, was du in diesen Situationen machst, damit du dich besser fühlst oder was deine Erste Hilfe ist.

Danke an meinen Mann

Wie sage ich Danke, ohne pathetisch zu klingen…

Mein Mann war der erste, dem ich vor ca. 15 Jahren von meinem Verdacht auf eine psychische Krankheit erzählt habe. Wir waren schon seit ein paar Jahren ein Paar (finde den Wortwitz 🙂 ). Er kam von einem Kurztrip mit seinem Sportverein nach Hause und ich hatte in diesen Tagen allein zu Hause viel Zeit nachzudenken. Voller Begeisterung hat er mir erzählt, was er erlebt hat und wie er sich freut, mich wieder zu sehen und sich vorstellen kann, sein Leben mit mir zu verbringen.

Das war für mich der Auslöser, ihm meine Befürchtungen zu schildern. Ich wollte ihm ein Leben mit meinen Problemen ersparen und ihn loslassen. Also sprich, ich habe ihn richtig von mir weggestoßen und ihm gesagt, dass er mich verlassen soll. Doch er hielt und hält immer noch (nun rund 20 Jahren) zu mir. Er hat mich gestützt, mir bei allem geholfen was kam und hat mit mir alle Höhen und Tiefen durchlaufen.

Mein Schatz, ich kann dir gar nicht genug danken! Ohne dich wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin!

OK, ich habe es nicht geschafft, nicht pathetisch zu klingen 🙂

Brené Brown zum Thema Scham

Gleich eins vorweg – diese Lady ist umwerfend! Ich bin über eine liebe Freundin auf sie aufmerksam geworden und habe mir zuerst ihren TED talk „Auf die Scham hören“ aus dem Jahr 2012 angeschaut. Wie gefühl- und humorvoll sie uns das Schämen näher bringt, hat mich fasziniert und gleichzeitig sofort abgeholt.

Brené ist Forscherin und hat viele Jahre Verletzlichkeit und Scham untersucht. Sie kommt zu dem Entschluss, dass sich Scham für Männer und Frauen gleich anfühlt, aber nach Geschlecht organisiert ist. D.h. in Kürze, dass Frauen alles perfekt machen und dabei perfekt aussehen wollen und Männer keine Schwäche zeigen dürfen.

Für Brené ist Scham eine Epidemie in unserer Kultur. Um ihr zu entkommen und den Weg zurück zueinander zu finden, müssen wir verstehen, wie sie uns befällt und wie sie die Art beeinflusst wie wir sind. Wenn wir wieder den Weg zueinander finden wollen, müssen wir Empathie verstehen und begreifen, weil Einfühlungsvermögen das Gegengift zu Scham ist. Heimlichkeit, Schweigen und Verurteilen lassen die Scham wachsen, durch Empathie kann die Scham nicht überleben. Sie ist überzeugt davon, dass die 2 mächtigsten Worte, wenn wir kämpfen „ich auch“ sind. Verletzlichkeit ist der Pfad zurück zueinander.

Scham ist eins der ganz großen Gefühle, die mit einer Zwangsstörung einhergehen. Leider! Denn niemand möchte, dass das Umfeld sie oder ihn für „verrückt“ hält, oder?! 😉

Im Büro habe ich mich früher am meisten geschämt, dass ich für verrückt gehalten werden oder nicht für „voll genommen“ werden könnte. Vor allem, wenn ich mal wieder kontrolliert habe, ob mein Schrank abgeschlossen ist und mein Laptop auch wirklich ausgeschaltet ist usw. Zum einen brauchte ich ja meine Kontrollhandlungen, um beruhigt nach Hause gehen zu können, auf der anderen Seite, wollte ich dabei nicht „erwischt“ werden und dann ging das Spiel wieder von vorne los – ist der Schrank abgeschlossen, ist der Laptop ausgeschaltet….

Bei diesen Ritualen unterbrochen zu werden, führte bei mir manchmal sogar zu einer Endlosschleife. Einer meiner hartnäckigsten Zwänge, war das Kontrollieren, ob der Herd auch wirklich aus ist (nicht, dass ich viel damit gekocht oder gebacken hätte). Es hätte ja sein können, dass er nicht ausgeschaltet ist und die Wohnung bzw. das komplette Haus mit allen Anwesenden in Flammen aufgehen könnte und ich daran schuld wäre. Wenn dann mein Freund an mir vorbei gehen wollte oder einfach nur durch den Flur gelaufen ist, musste ich von vorne anfangen (Knopf 1 ist aus, auf den Oberschenkel mit der Hand klatschen, Knopf 2 ist aus, auf den Oberschenkel mit der Hand klatschen…) und dann kamen noch die Gedanken dazu, „sch…, jetzt hat er mich dabei gesehen. Er soll mich so doch nicht erleben, ich möchte ihm das ersparen und dabei schon gar nicht beobachtet werden. Also ist mein lieber verständnisvoller mittlerweile Ehe-Mann einfach schon mal vor zum Auto gegangen, bevor ich überhaupt angefangen habe, zu kontrollieren. Leider habe ich ihn auch oft co-abhängig gemacht und vor ihm die Wohnung verlassen. So musste ich nicht die Verantwortung des vermeintlichen Unglücks tragen.

Zurück zu Brené Brown: als nächstes habe ich ihr Buch „Die Gaben der Unvollkommenheit“  gelesen. In diesem baut sie ihre These aus, dass unsere Unvollkommenheit uns mit anderen Menschen verbindet und kreiert für viele Leser*innen ein neues Mantra: „Ganz egal, was ich heute schaffe, und was unerledigt bleibt: Ich bin nicht perfekt, aber vollständig: vollständig genug.“

Ich hatte so viele aha-Momente und dachte immerzu „ja, ich möchte auch offen mit Scham umgehen“, „ja, ich möchte auch offen über meine Zwänge sprechen und mich nicht mehr verstecken“. Doch leider war ich zu dieser Zeit noch einem längerfristigen Angestelltenverhältnis und dort konnte ich nicht bzw. nicht einfach mittendrin davon berichten. Jetzt bin ich in einem anderen Unternehmen – auch in einem längerfristigen Angestelltenverhältnis – aber ich bin mir sicher, dass mir dort mehr Offenheit und Verständnis entgegengebracht wird als in dem vorherigen. Also hieß es damals weiter vertuschen oder auf gewisse Themen einfach nicht eingehen. Brené hat mir jedoch einen weiteren Schritt in Richtung Freiheit und diesem Blog verholfen und war somit definitiv Teil des Prozesses hin zu meiner Mission „Entstigmatisierung von Zwangsstörungen“. Deshalb wollte ich euch gleich in einem meiner ersten Posts von ihr und ihrem wertvollen Beitrag berichten.

Habt ihr auch schon Bücher von Brené gelesen und wenn ja , welche und welche gefallen euch ganz besonders gut? Ich freue mich auf eure Kommentare und Nachrichten.

Zwangsstörungen in Zeiten von Corona

Auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V. Hamburg habe ich diese Pressemeldung vom 30. März 2020 entdeckt und euch für einen optimierten Lesefluss den Text einkopiert:

Deutschland erlebt die Welt der Zwangserkrankungen

 Das Coronavirus hat Deutschland in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Wir sind aufgefordert Abstand voneinander zu halten, uns regelmäßig gründlich die Hände zu waschen, Druckknöpfe z. B. in Bussen zu meiden und Handschuhe zu tragen. Unsere Arbeit sollen wir im Homeoffice erledigen und nach Möglichkeit die Wohnung nicht verlassen. Diese schweren Lebensumstände sind für etwa 2 Millionen Deutsche mit Zwangserkrankungen Alltag. Bei Menschen mit Zwangserkrankungen bestimmen Gefühle von Angst, Ekel oder Scham den Tag. Betroffene von Kontaminationsängsten kennen den Alltag nur so, wie es die Prävention für den Coronavirus jetzt der gesamten Bevölkerung vorschreibt. Menschen mit Zwangserkrankungen waschen, putzen, kontrollieren aus Angst, sich und andere mit Bakterien zu infizieren, oder schuld zu sein, wenn das Haus abbrennt, weil der Herd nicht ausgeschaltet war. Die Zwangsrituale können über viele Stunden andauern und sich so stark ausweiten, dass eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kaum mehr möglich ist. Die Ursache für Zwangserkrankungen können eine genetische Veranlagung oder belastende Lebensereignisse, wie Traumen, sein. Eine Zwangserkrankungen entwickelt sich in der Regel um das zwanzigste Lebensjahr. Da Betroffene ihre Erkrankung aus Angst oft verheimlichen, dauert es vielfach 5 bis 7 Jahre bis sie sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden. Die Ängste der Menschen mit Zwangserkrankungen bestehen nur in ihrer Vorstellung, was sich von der realen Gefahr des Coronavirus unterscheidet. Für Zwangserkrankungen gibt es mit der Verhaltenstherapie einen erfolgversprechenden Ansatz. Für das Coronavirus wird es hoffentlich bald eine Therapie oder Impfung geben. Für die Zeit nach der Corona-Krise ist zu erwarten, dass die Zahl von zwangserkrankten Menschen steigen wird, weil die Angst vor Viren schwerer zu bekämpfen ist, als die Viren selbst. Es ist zu hoffen, dass dann vermehrt Plätze für die psychotherapeutische Behandlung angeboten und finanziert werden. Jetzt auf dem Höhepunkt der Krise muss sich niemand schämen, z. B. mit Handschuhen durch den Tag zu gehen. Oder anders gesagt, Menschen mit Zwangserkrankungen fallen nicht mehr aus dem Rahmen. Vielleicht hilft dies den Betroffenen, die Verheimlichung der Zwangserkrankung aufzugeben.

Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V. (DGZ) ist ein 1995 gegründeter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Hamburg. Aufgabe und Anliegen der DGZ ist es, Zwangserkrankungen in all ihren Erscheinungsformen öffentlich zu machen und durch geeignete Maßnahmen zu bekämpfen. In der DGZ engagieren sich Wissenschaftler, Ärzte und Psychologen sowie Betroffene und Angehörige gemeinsam gegen die Zwangserkrankung.

Kontakt:

E-Mail: zwang@t-online.de

Webseite: http://www.zwaenge.de

Meine Gedanken dazu: ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es Betroffenen geht, die momentan unter dieser Zwangsstörung leiden. Viele Eltern machen sich auch Sorgen, dass sie eine Generation aufziehen, die Zwangsstörungen entwickelt und sie versuchen alles, um dagegen anzukämpfen.

Wie die DGZ schreibt, kann die jetzige Corona-Situation tatsächlich der Auslöser für viele Neuerkrankungen sein, weil die Angst vor Viren schwerer zu bekämpfen ist, als die Viren selbst. Es gibt aber gute Behandlungsmöglichkeiten und sie hofft, dass die Betroffenen ihre Krankheit nicht mehr verheimlichen, da in der Öffentlichkeit z.B. das Tragen von Handschuhen nicht mehr aus dem Rahmen fällt und sie sich nicht mehr schämen müssen. Das würde ich mir auch wünschen: den offenen Umgang und die Entstigmatisierung dieser Krankheit. Gemeinsam schaffen wir es!

Ich bin dankbar, dass ich meine schlimmen Zwangsstörungen überwunden habe. 2008 hatte ich u.a. den schlimmen Zwangsgedanken, ich könnte jemanden mit irgendwas wie Viren oder Bakterien anstecken, weil ich mir z.B. die Hände nicht richtig gewaschen habe. Das führte zu der Zwangshandlung, dass ich mir immer und immer wieder die Hände waschen musste.

Wenn ich mir überlege, ich hätte diese Zwangsstörungen in der jetzigen Corona-Virus Situation, ich würde das Haus nicht mehr verlassen können. Einkaufen im Supermarkt undenkbar und es hätte sicherlich zu einer Endlos-Schleife von Händewaschen geführt.

Mit meinem Wissen von heute und allem, was in meiner Therapie gelernt habe, kann ich glücklicherweise gut damit umgehen. Da ich weiß, dem Zwang (z.B. vor Angst vor Viren) darf nicht nachgegeben werden: sachlich bleiben und Achtsamkeit ist der Schlüssel. Bin ich jetzt aufgrund meiner früheren Zwangsstörungen tatsächlich mal im Vorteil 😉 ??

Meine Zwänge oder das Gefühl bei vollem Verstand verrückt zu werden

Ist der Herd auch wirklich aus. Ich schaue auf Knopf 1, klatsche auf meinen Oberschenkel und sage „1 aus“, schaue auf Knopf 2 klatsche auf meinen Oberschenkel und sage „2 aus“. Weiter geht es mit Knopf 3 und 4. Danach muss ich auf die Leuchtanzeige schauen, ob das Licht auf der Herdplatte aus ist. Im Dunkeln ist das relativ einfach: Lichtschalter aus und schon leuchtet das rote Lämpchen offensichtlich. Scheint die Sonne wird das Erkennen des Lichts schon schwieriger bzw. ist es manchmal gar nicht möglich zu erkennen. Unsicherheit steigt auf, Gedanken beginnen in meinem Kopf zu kreisen, was wenn ich jetzt die Wohnung verlasse und es anfängt zu brennen, wenn ich nicht mehr hier bin. Wenn es keiner schnell genug bemerkt, das Feuer sich ausbreitet und die kleinen Kinder im ersten Stock des Wohnhauses oder der Senior im Erdgeschoss durch das Feuer ums Leben kommen. Diese Schuld kann ich nicht auf mich nehmen. Alle unsere liebgewordenen Dinge und wichtige Unterlagen für immer zerstört wären. Das muss ich verhindern. Ich schaue auf Knopf 1, klatsche auf meinen Oberschenkel und sage „1 aus“….

Das ist wohl der Klassiker unter den Zwangsstörungen: ein Zwangsgedanke „der Herd könnte Feuer fangen“ wird mit einer Zwangshandlung „dem Kontrollieren, ob der Herd auch wirklich aus ist“ versucht zu lösen. Doch gebe ich der Handlung nach, fühlt sich der Gedanke bestärkt und kommt immer häufiger und stärker zurück.

2008 war bei mir der Höhepunkt der Zwangsstörungen erreicht. Ca. 100 unterschiedliche Zwänge haben mein Leben so eingeengt, dass nichts mehr ging. Tagelang saß ich einfach nur auf der Couch, selbst essen machen, war nicht mehr möglich. Das Essen könnte laut meinen Zwangsgedanken kontaminiert sein, weil es jemand anderes vorher angefasst hat und somit Bakterien oder seine Viren darauf verteilt haben könnte. Also aß ich Toast mit Nutella. Das ging in meiner damaligen Welt am einfachsten. Die Wohnung verlassen war schon gar nicht mehr möglich, so viele Viren, die draußen in der großen Stadt auf mich lauerten. Meine Hände waren schon rissig vom vielen Händewaschen. Ich hatte eine richtig große Mischung aus Zwangsgedanken und Zwangshandlungen angesammelt, die mich in meinem Leben so einschränkten, dass ich nichts mehr mit Freund*innen unternahm. Niemand sollte mitbekommen, dass mit mir was nicht stimmt. Ich fühlte mich, als würde ich bei vollem Verstand verrückt werden. Wenn man Zwangsstörungen hat, weiß man, dass diese nicht real sind, kann sie aber trotzdem nicht abstellen und schämt sich dafür. Ich wurde immer einsamer, zog mich immer mehr zurück, bis ich dann auch nicht mehr arbeiten konnte. Zum Glück stand mein Mann, damaliger Freund, an meiner Seite und hat mich unterstützt. Nun brauchte ich professionelle Hilfe.

Die Lösung war eine Verhaltenstherapie in Kombination mit Tabletten (Anti-Depressiva). Die Tabletten halfen mir, um erst mal wieder auf ein Niveau zu kommen, dass ich nicht ständig von meinen Zwängen gefesselt war. Dass ich wieder ins Auto steigen konnte und zu meiner Therapeutin fahren konnte, um die Verhaltenstherapie zu beginnen. Denn selbst das Autofahren, war mit einem Zwangsgedanken verbunden: was, wenn ich jemanden überfahren habe, weil ich kurz nicht 100%ig aufmerksam war. Dann musste ich zu der Stelle zurückfahren, um zu kontrollieren, dass nichts passiert war.

Von meiner Therapie und dem Weg zurück ins Leben berichte ich euch in einem meiner nächsten Posts. Leidet ihr auch unter Zwangsstörungen oder kennt ihr jemanden, der oder die davon betroffen ist? Um welche Zwänge handelt es sich?

Wissenswertes über Zwangsstörungen

Online existieren viele fachliche Erklärungen. Mir gefällt ganz besonders gut, was das Institut für Verhaltenstherapie-Ausbildung Hamburg leicht verständlich und sehr treffend zusammengefasst hat unter https://www.ivah.de/patienten-psychische-stoerungen-zwangsstoerung.html . Für einen optimierten Lesefluss kopiere ich euch die 4 Texte hier ein:

ERKLÄRUNG

Zwangsstörungen zählen zu den Angststörungen. Die Betroffenen leiden entweder an quälenden und angstauslösenden Vorstellungen und Gedanken (Zwangsgedanken), welche sie zu vermeiden versuchen. Oder die Betroffenen führen bestimmte Handlungen immer wieder unter innerem Drang durch (Zwangshandlungen), da sie sonst schlimme Folgen fürchten.

Den Betroffenen von Zwangsstörungen kommen immer wieder bestimmte Gedanken in den Sinn (z.B. „Habe ich die Haustür abgeschlossen?“, „Habe ich den Ofen ausgemacht?“), die sie beunruhigen und die dann dazu führen, dass sie bestimmte Handlungen immer wieder ausführen müssen. Zum Beispiel kontrollieren Betroffene mehrfach, ob die Haustür auch tatsächlich abgeschlossen und der Ofen ausgemacht ist, oder sie waschen sich wieder und wieder die Hände, wenn der Gedanke kommt, sich mit etwas angesteckt haben zu können. Vielleicht kommen ihnen auch immer wieder Gedanken in den Sinn, etwas Schreckliches tun zu können, so dass sie lieber schnell an etwas anderes denken und sich ablenken.

Ab wann spricht man von einer Zwangsstörung?

Nicht jede „Marotte“ ist gleich ein Zwang: viele Menschen kennen das zeitweilige Auftreten ungewollter innerer Bilder oder Gedanken, „die einen nicht loslassen“. Viele Menschen haben ihre Alltagsroutinen und Gewohnheiten, an denen sie festhalten, obgleich es keinen „vernünftigen Grund“ hierfür gibt (der Sonntagmorgen „muss“ immer auf eine bestimmte Weise ablaufen, der Kaffee wird nach einem bestimmten Ritual bereitet). Auch ist es gar nicht so selten, dass ein zweites Mal überprüft wird, ob der Wecker richtig gestellt oder das Bügeleisen ausgeschaltet ist.

Von einer Zwangsstörung spricht man hingegen, wenn die Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum bestehen, quälend sind und Angst auslösen sowie das Leben der Betroffenen deutlich einschränken. Nicht selten ist dies durch den großen Zeitaufwand von mehreren Stunden täglich gekennzeichnet.

Welche Zwangsstörungen werden unterschieden?

Man unterscheidet zwischen Zwangsstörungen, die hauptsächlich aus Zwangshandlungen bestehen und Zwangserkrankungen, die hauptsächlich aus Zwangsgedanken bestehen. Zumeist bestehen Zwangsstörungen jedoch sowohl aus Zwangsgedanken als auch aus Zwangshandlungen: erst drängt sich ein Zwangsgedanke auf („Habe ich die Tür abgeschlossen? Ich wäre schuld, wenn eingebrochen wird.“), dann folgt – quasi zur Beruhigung der aufkommenden Angst – die Zwangshandlung (in diesem Fall die Kontrolle, ob die Tür verriegelt ist).

Zwangshandlungen sind Verhaltensweisen, die immer wieder durchgeführt werden „müssen“, oft in einer ritualisierten Form. Betroffene fühlen sich wie unter einem inneren Drang, diesen Handlungsimpulsen wiederholt nachzugehen, obwohl ihnen vielleicht im Nachhinein „auf Verstandesebene“ bewusst ist, dass die Handlungen übertrieben oder sinnlos sind. Oft wird auch versucht, diesen Handlungen Widerstand entgegen zu setzen. Meist bleibt dieser Widerstand jedoch erfolglos, da eine starke Angst oder Unruhe entsteht, wenn dem Zwang nicht nachgekommen wird. Unterschieden werden Kontrollzwänge, Wasch- und Reinigungszwänge sowie Kombinationen hieraus. Nicht selten treten auch Wiederholungszwänge (z.B. das mehrfache Durchführen von Routinehandlungen), Zählzwänge, Ordnungs- und Symmetriezwänge, sowie Sammelzwänge auf.

Zwangsgedanken sind wiederkehrende und aufdringliche Gedanken, Ideen oder bildliche Vorstellungen, die den Wertvorstellungen der Betroffenen entgegengesetzt sind. Häufig kommen aggressive (beispielsweise der Gedanke, sich selber oder anderen Leid zufügen zu können), sexuelle oder religiös-blasphemische Inhalte vor. Insgesamt treten reine Zwangsgedanken seltener auf als Zwangshandlungen.

HÄUFIGKEIT

Insgesamt sind Zwangsstörungen nicht so selten, wie Sie vielleicht zunächst gedacht haben: etwa 2-3% der Bevölkerung leiden zumindest einmal in ihrem Leben an einer Zwangsstörung, Zwänge sind damit die fünfthäufigste psychische Erkrankung.

Zwangsstörungen treten bei Männern und Frauen in etwa gleich häufig auf. Meist beginnt die Störung im frühen Erwachsenenalter mit Anfang 20 (bei 65% der Patienten vor dem 25. Lebensjahr), Männer erkranken in der Regel ca. fünf Jahre früher als Frauen. Nicht selten bestehen Zwangsstörungen über einen Zeitraum von mehreren Jahren und schränken das Leben immer weiter ein, bis eine angemessene und erfolgreiche Behandlung aufgesucht wird.

Menschen, die an Zwangsstörungen leiden, leiden häufig parallel an verschiedenen anderen psychischen Erkrankungen, oft sind dies begleitende depressive Erkrankungen und Angststörungen (insbesondere soziale Ängste).

→ Zwangsstörungen treten gar nicht so selten auf. Eine Behandlung ist wichtig, damit es nicht zur Chronifizierung kommt.

ENTSTEHUNG & AUFRECHTERHALTUNG

Zwangsstörungen können verschiedene Ursachen haben. Zumeist sind viele verschiedene Faktoren (wie einzelne „Mosaiksteine“) daran beteiligt, dass eine Zwangsstörung entstanden ist. Dies sind genetische Faktoren und eine gestörte Balance von Hirnbotenstoffen, aber vor allem auch ungünstige Lernerfahrungen (meist schon im Kindes- und Jugendalter) und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Aufrechterhalten wird eine Zwangsstörung über einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis.

Heutige Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen sind sogenannte „multifaktorielle Modelle“. Diese Modelle gehen davon aus, dass eine Vielzahl verschiedener Faktoren und deren Wechselwirkung dazu beitragen, dass eine Zwangsstörung entsteht und oft über Jahre bestehen bleibt. Das Herausarbeiten von individuellen Faktoren der Betroffenen ist ein wichtiger Schritt in der Psychotherapie.

Was macht möglicherweise für Zwänge empfänglich?

Biologische Faktoren:

Möglicherweise haben Betroffene eine gewisse genetische Veranlagung für das Ausbilden von Zwangssymptomen. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass für Angehörige von Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, ein 3- bis 12-fach erhöhtes Risiko besteht, ebenfalls an einer Zwangsstörung zu erkranken. Womöglich ist dieser genetische Einfluss bei Zwangsgedanken und bei einem frühen Beginn der Störung besonders hoch. Heute wird zudem davon ausgegangen, dass Zwänge mit einer Überaktivität in bestimmten Hirnregelkreisen einhergehen, so dass automatische Handlungsimpulse schlechter gehemmt werden können. Auch scheinen bestimmte Botenstoffe im Gehirn (sogenannte „Neurotransmitter“, v.a. Serotonin, aber auch Noradrenalin) nicht ausreichend vorzuliegen, was den positiven Effekt einer begleitenden medikamentösen Behandlung bei schweren Zwangsstörungen erklärt.

Psychologische Faktoren:

Entscheidend für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangserkrankungen sind bestimmte Lernerfahrungen, Lebensereignisse und Persönlichkeitsfaktoren. Häufige Kindheitserfahrungen, die Menschen mit Zwängen gemacht

haben, sind seitens des Elternhauses hohe Leistungserwartungen und Strenge, hohe moralische Standards und ein eher überbeschützender Erziehungsstil, welcher wenig Autonomie ermöglichte. Als überdauernde Persönlichkeitsfaktoren können bei den Betroffenen dann z.B. Perfektionismus, verinnerlichte hohe Standards, erlebte hohe Verantwortlichkeit, Ängstlichkeit und hohe Angepasstheit an Normen und Wertvorstellungen entstehen.

Wichtig ist es auch, dem Zeitpunkt des ersten Auftretens der Zwangssymptomatik vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Sind die Zwänge in einer spezifischen Belastungssituation erstmalig aufgetreten? Nicht selten berichten Betroffene, dass das erste Auftreten der Zwänge in einer Zeit lag, in welcher sie mit neuen Anforderungen umgehen mussten (beispielsweise der Auszug von zu Hause, der Beginn des Berufslebens). Bei einigen Betroffenen bestehen die Zwänge

jedoch auch seit der frühen Jugend und zeigen einen chronischen, oft auch wechselhaften Verlauf. Entscheidend ist, dass zumeist kein einzelner Faktor für sich alleine die Entstehung der Zwangsstörung bedingt, sondern dass verschiedene

Mosaiksteine aus Biologie, Kindheit, Persönlichkeit und speziellen Lebenserfahrungen zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Zwangsstörung zu der Entwicklung des Zwanges beigetragen haben.

Wie werden Zwangsstörungen aufrechterhalten?

Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Zwang trotz der hohen “ Kosten“ und des Leidens, die er jeden Tag verursacht, ein so hartnäckiger Begleiter werden kann. Ein Grund besteht darin, dass möglicherweise die Faktoren, die zur

Entstehung des Zwanges geführt haben, weiterhin bestehen. Ganz entscheidend dafür, dass eine Zwangsstörung aufrechterhalten wird, ist ein sich selbst verstärkender Teufelskreis der Zwangsstörung.

Der Teufelskreis der Zwangsstörung:

Entscheidend für die Aufrechterhaltung des Zwanges sind vor allem Gedanken, die während einer Zwangshandlung auftreten, sowie die gedanklichen und gefühlsmäßigen Folgen der Zwangshandlung.

Man geht davon aus, dass aufdringliche Gedanken (z.B. „Ist der Herd aus?“) zunächst völlig normal sind und bei vielen Menschen vorkommen. Problematisch wird ein aufdringlicher Gedanke dadurch, dass ihm eine abnorme und mit Gefahr verbundene Bedeutung zugeschrieben wird. Diese Interpretation führt dann zu Angst und Unruhe, der Betroffene erlebt einen starken Handlungsbedarf („Ich muss das kontrollieren, sonst passiert etwas Schlimmes und ich bin schuld!“). Wird dem Handlungsimpuls dann nachgekommen, d.h. wird z.B. die Kontrollhandlung ausgeführt, führt dies zu einer kurzzeitigen Beruhigung. Gleichzeitig ist das Ausführen der Kontrollhandlung aber auch ein Signal dafür, dass die hohe Bedeutung des Gedankens angemessen war („Gut, dass ich noch mal nachgeschaut habe, wer weiß, was sonst passiert wäre!“). Auf diese Weise ist ein Teufelskreis entstanden, der den Zwang aufrechterhält, und der im Verlauf der Behandlung durchbrochen werden muss.

Hier ist der Teufelskreis der Zwangshandlungen noch einmal bildlich dargestellt:

Treten Zwangsgedanken auf, die einen aggressiven oder sexuellen Inhalt haben (oder einen sonstigen Inhalt, der Schuldgefühle hervorruft), sieht der Teufelskreis meist folgendermaßen aus: Ein aggressiver Gedanke (z.B. „Ich könnte meiner Freundin etwas antun.“) wird als gefährlich interpretiert. Der*die Betroffene hält diesen Gedanken für zutreffend („Der Gedanke könnte wahr werden, ich könnte das tatsächlich tun.“). Als Folge versucht der*die Betroffene, diesen Gedanken zu vermeiden („Bloß nicht daran denken, wer weiß, ob ich das sonst tue.“) oder durch „Gegengedanken“ zu „neutralisieren“

(„Schnell an etwas anderes denken“). Teilweise schließt sich hier ein gedankliches Ritual an (das kleine 1×1 aufsagen, ein Gedicht oder Gebet aufsagen, zählen…).

Als Folge dieser Gedankenkontrolle werden die Zwangsgedanken jedoch nicht weniger, sondern mehr. Das ist ganz ähnlich, als würde man versuchen, nicht an einen rosa Elefanten zu denken: in dem Moment, wo man dies mit aller Macht versucht, lässt einen der aufdringliche Gedanke gar nicht mehr los. Man denkt ständig wieder an den rosa Elefanten.

Hier ist der Teufelskreis der Zwangsgedanken noch einmal bildlich dargestellt:

Manchmal sind es auch scheinbar banale Faktoren, die ein Aufrechterhalten der Zwänge ermöglichen. Die Zwänge sind oft stärker, wenn man innerlich unter Anspannung steht, unter Zeitdruck ist, wenig geschlafen hat etc. Hier kann eine Protokollierung der Zwänge dazu dienen, ungünstige Lebensgewohnheiten zu identifizieren. Häufig hat eine psychische Störung, neben dem Leiden, das sie verursacht, „positive“ Nebeneffekte für die Betroffenen. Z.B. kann es sein, dass der Zwang dabei „hilft“, sich mit bestimmten schwierigen Situationen und Defiziten nicht auseinandersetzen zu müssen. In diesen Fällen spricht man von einer „Funktionalität“ des Zwanges. Vielleicht ist der Zwang erstmalig in einer Lebensphase aufgetreten, in welcher der*die Betroffene sich vermehrt gegen die Anforderungen der Mitmenschen abgrenzen musste. Wenn diese Abgrenzung schwer fällt, kann der Zwang die schwierige Aufgabe der Abgrenzung für den Erkrankten übernehmen.

Die biografisch-systemische Analyse gemeinsam mit einem*r Therapeut*in wird hier die relevanten „positiven Funktionen“ des Zwanges herausstellen. Anhand dieser Analyse wird hier schon deutlich, dass es sich bei der Behandlung des Zwanges nicht um eine reine Behandlung des Symptoms handeln kann, sondern dass auch diese „Faktoren im Hintergrund“ in der Behandlung berücksichtigt werden müssen.

BEHANDUNG

Die Behandlung einer Zwangsstörung berücksichtigt die Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass die Störung entstanden ist und aufrechterhalten wurde. Zunächst werden gemeinsam mit dem*r Therapeut*in Ziele für die Behandlung erarbeitet und die Zwänge sehr konkret beobachtet. Dann lernen Betroffene, sich den Situationen, die normalerweise die Zwänge ausgelöst haben, zu stellen und – anstelle der Zwänge – andere Wege zu finden, mit den aufkommenden Gefühlen umzugehen.

Der Ablauf ist also grob der folgende:

  • Individuelle Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangsstörung erarbeiten
  • Ziele festlegen: Was möchte ich in der Therapie erreichen?
  • Zwänge durch Selbstbeobachtungen analysieren
  • Konfrontationen mit den zwangsauslösenden Situationen
  • Arbeit an den Hintergründen der Störung

Die Therapie wird zwei Behandlungsstränge verfolgen: zum einen die Arbeit am Symptom der Zwänge selber, zum anderen die Therapie am Symptomhintergrund.

Wie läuft die Behandlung einer Zwangsstörung konkret ab?

Zunächst wird gemeinsam mit dem*r Therapeut*in herausgearbeitet, welche Faktoren bei zur Entstehung der Zwänge beigetragen haben und welche Faktoren sie aufrechterhalten. Dieses individuelle „Erklärungmodell“ ist dann die Basis, um hieraus sowohl Ziele für die Arbeit an der Zwangsstörung selber als auch Ziele bezogen auf den Hintergrund der Störung abzuleiten.

Zu Beginn wird wahrscheinlich die direkte Arbeit an der Zwangssymptomatik selber (dem „Symptom“) im Vordergrund stehen. Dies ist entscheidend, um dem oben beschriebenen Teufelskreis und einer weiteren Ausweitung der Zwangssymptomatik entgegen zu wirken und die Zwangssymptomatik schrittweise zu reduzieren. Es werden klare Therapieziele hinsichtlich der Zwangssymptomatik formuliert und diese Ziele schrittweise erarbeitet. Hierzu gehören genaue Selbstbeobachtungen des Zwangsverhaltens, indem die Zwänge protokolliert und die Situationen, in denen die Zwänge auftreten, genau analysiert werden. Dieses Vorgehen zeigt den Betroffenen, unter welchen Bedingungen die Zwänge in welcher Stärke auftreten. Auch wird mit dem*r Therapeut*in eine Angst- oder Schwierigkeits-Rangliste der zwangsauslösenden Situationen erstellt.

Nach dieser Selbstbeobachtungsphase wird der*die Therapeut*in die Betroffenen darin unterstützen, sich den Situationen, die üblicherweise zu Zwangsverhalten führen, zu stellen. Mit Hilfe des*r Therapeut*in wird gelernt, diese Situationen zu bewältigen, ohne auf das Zwangsverhalten zurückzugreifen. In der Fachsprache wird diese Methode als „Exposition mit Reaktionsmanagement“ bezeichnet. Exposition mit Reaktionsmanagement ist die effektivste Methode zur Behandlung von Zwangsstörungen. Ziel dieser Expositionen ist es, sich den angst- und zwangsauslösenden Situationen direkt und willentlich auszusetzen und die aufkommende Angst und Unruhe zu bewältigen, ohne das Zwangsverhalten auszuführen. In ähnlicher Weise wird bei der Behandlung von Zwangsgedanken vorgegangen: Auch hier ist das Ziel, sich mit den angstauslösenden Zwangsgedanken (beispielsweise dem Gedanken, einem anderen Menschen etwas antun zu können) zu konfrontieren und die Erfahrung zu machen, dass diese Gedanken ungefährlich sind. Selbstverständlich wird ein*e Therapeut*in nicht einfach „mit der Tür ins Haus fallen“, sondern die Expositionen mit dem*r Patient*in sehr sorgfältig vorbereiten. Der*die Patient*in ist also jederzeit über das genaue Vorgehen und den genauen Sinn einer Übung informiert. Die Übungen finden dann auch in seinem*ihrem individuellen Tempo statt. Wichtig ist, sich auch außerhalb der Therapiestunden mit den Konfrontationsübungen zu befassen (etwa im Rahmen von „Übungen in Eigenregie“), welche dann in den Therapiestunden detailliert vor- und nachbesprochen werden. Je öfter die Übungen durchgeführt werden, desto leichter werden sie fallen. → Entscheidend ist häufiges „Üben“ (auch zu Hause).

Die Betroffenen werden zudem im Verlauf der Therapie lernen, die Zwänge als „Warnsignal“ einer erneuten erhöhten Belastung zu verstehen und zu nutzen. Eine erneute Verstärkung der Zwänge kann ein guter Indikator für die aktuelle Lebensführung sein.

In einem zweiten Behandlungsstrang werden die Hintergründe der Zwangsstörung stärker in den Fokus gerückt. Hier gilt es, persönliche Lebenserfahrungen und deren Bezug zur Zwangsstörung herauszuarbeiten und zu vertiefen. Die biografisch- systemische Verhaltenstherapie ist hier geeignet, heutiges Verhalten und Erleben an alte Verhaltens- und Erlebens“muster“ anzubinden und damit erklärbar zu machen. Auch können im Hintergrund stehende ungünstige Glaubenssätze und „Lebensanschauungen“ herausgearbeitet werden. Diese Lebensanschauungen können dann gemeinsam auf ihre Gültigkeit und auf die durch sie verursachten „Kosten“ überprüft werden. Manchmal macht es auch Sinn, die verschiedenen „intellektuell gewonnenen“ Einsichten durch ganz bestimmte Verfahren (Vorstellungsübungen, Körperübungen) „erlebbarer“ zu machen.

Möglicherweise stellt es sich hier im Verlauf als zentral heraus, wichtige zwischenmenschliche Kompetenzen (z.B. Konfliktfähigkeit, Abgrenzungsfähigkeit etc.) zu verbessern, um z.B. im Kontakt mit anderen eigene Bedürfnisse besser umsetzen zu lernen. Falls deutlich wird, dass hinter dem Zwang Probleme des Selbstwertes oder Probleme der Wahrnehmung und Bewältigung von Gefühlen stehen, kann in diesen Bereichen weiter gearbeitet werden.

Diese zwei-strangige Therapie nach biografisch-systemischen Gesichtspunkten erfordert von dem*r Betroffenen und dem*r Therapeut*in eine stetige Reflexion des Therapieverlaufes, um möglichen „Stolpersteinen“ und „Therapiehindernissen“ möglichst frühzeitig begegnen zu können. Daher wird der*die Therapeut*in in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit den Patient*innen den jeweils aktuellen Stand der Zielerreichung (Wo stehen wir in Bezug auf die Symptom- und Hintergrundziele?) reflektieren.

Wie sinnvoll ist eine medikamentöse Behandlung?

Bei schweren Zwangssymptomen kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu einer Verhaltenstherapie eine medikamentöse Behandlung einzuleiten. Als Medikamente werden sogenannte „Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer“ (SSRI) gegeben, ebenso bestimmte trizyklische Antidepressiva, welche in den Stoffwechsel des Gehirnbotenstoffes Serotonin eingreifen. Auch Medikamente, die den Stoffwechsel von Noradrenalin (einem zweiten Botenstoff im Gehirn) beeinflussen, können gute Effekte zeigen. Ähnliche Medikamente werden auch bei Depressionen gegeben (was aber natürlich nicht heißt, dass Betroffene zusätzlich an einer Depression leiden müssen).

Die Wirkung der Medikamente setzt frühestens nach 4-8 Wochen ein und es ist wichtig, die Medikation für mindestens ein Jahr beizubehalten. Durch die Medikation wird eine schrittweise Besserung erreicht,

jedoch kommt es nach Absetzen der Medikamente in einem Großteil der Fälle zu Rückfällen. Wichtig ist also, eine medikamentöse Behandlung mit einer Psychotherapie zu kombinieren, um einen langfristigen Therapieerfolg zu haben. Außerdem können die Medikamente alleine natürlich nicht die Ursache der Probleme lösen. Zwangsgedanken sprechen tendenziell besser auf eine medikamentöse Behandlung an als Zwangshandlungen. Hier kann es Sinn machen, sogenannte „atypische Neuroleptika“ in niedriger Dosierung oder Sulpirid zu geben. Bei einer schweren Zwangssymptomatik wird sich der*die Therapeut*in nach Absprache mit dem*r Patient*in an den*die mitbehandelnde*n Facharzt*ärztin wenden und eine kombinierte Behandlung anstreben.

Das war eine Menge Input, aber so hilfreich, um diese komplexen Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Wie hat euch diese Erklärung gefallen?

In meinem nächsten Post erzähle ich euch von meinen Zwängen.