
Mit einer Zwangsstörung zu leben, bedeutet häufig auch, unglaublich streng mit sich selbst zu sein.
Wenn die Zwangsgedanken wieder lauter werden, die Unsicherheit wächst oder wir das Gefühl haben, eigentlich schon viel weiter sein zu müssen.
Ich kenne diesen inneren Druck aus meinem eigenen Leben mit OCD nur zu gut. Viele Jahre habe ich geglaubt, dass ich mich einfach mehr anstrengen müsste. Dass ich stärker sein und endlich aufhören sollte, so viel zu zweifeln.
Heute weiß ich, wie wertvoll es sein kann, mir selbst mit etwas mehr Sanftheit zu begegnen. Gerade an den Tagen, an denen es mir schwerfällt.
Was bedeutet Sanftheit im Umgang mit OCD?
Sanftheit bedeutet für mich, wahrzunehmen, wie es mir gerade geht, und freundlich mit mir selbst umzugehen.
Auch dann, wenn Zwangsgedanken auftauchen, Angst spürbar wird oder ich mich unsicher fühle.
Bei einer Zwangsstörung entsteht häufig großer innerer Druck. Wir möchten Gewissheit haben, alles richtig machen und unangenehme Gefühle möglichst schnell beenden.
Sanftheit lädt uns ein, diesen Druck wahrzunehmen und uns mit Verständnis zu begegnen.
Vielleicht mit einem Gedanken wie:
„Es ist gerade anstrengend. Und ich kann freundlich mit mir bleiben.“
Warum Selbstmitgefühl bei Zwangsgedanken hilfreich sein kann
Selbstmitgefühl bedeutet, dem eigenen Erleben mit Verständnis, Achtsamkeit und Freundlichkeit zu begegnen. Für mich persönlich ist Selbstmitgefühl zu einer wertvollen Ergänzung auf meinem Recovery-Weg geworden. Denn ich kann Angst empfinden und freundlich mit mir umgehen. Ich kann einen Zwangsgedanken haben und entscheiden, wie ich darauf reagiere.
Sanftheit und Expositionen – wie passt das zusammen?
Sanftheit kann auch bedeuten, sich schwierigen Situationen zu stellen.
Die kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionen und Reaktionsmanagement (ERP) gilt als Behandlung der ersten Wahl bei OCD.
Dabei üben wir, Unsicherheit und unangenehme Gefühle zuzulassen und auf Zwangshandlungen oder mentale Rituale zu verzichten.
Das kann unglaublich herausfordernd sein. Ich weiß das aus eigener Erfahrung.
Sanftheit kann uns dabei begleiten. Indem wir anerkennen, wie viel Mut eine Exposition erfordert, und uns auch nach schwierigen Momenten freundlich begegnen.
Auch die Acceptance and Commitment Therapy (ACT) hat mir geholfen, Gedanken und Gefühle anzunehmen und mein Handeln stärker an meinen persönlichen Werten auszurichten.
Ich kann unsicher sein und mein Leben weiterleben.
Diesen Gedanken empfinde ich als sehr befreiend.
Wie Yoga uns helfen kann, Sanftheit zu erleben
Sowohl als Yogalehrerin als auch durch meine langjährige eigene Yogapraxis erlebe ich immer wieder, wie wertvoll achtsame Bewegung und Körperwahrnehmung sein können.
Gerade bei OCD sind wir häufig sehr mit unseren Gedanken beschäftigt. Yoga kann uns dabei unterstützen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Moment zu richten.
Besonders im Yin Yoga beschäftigen wir uns mit Sanftheit. Die Haltungen werden über mehrere Minuten mit möglichst wenig Muskelanspannung gehalten und können individuell angepasst werden.
Dabei geht es darum, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und herauszufinden, was sich gerade stimmig anfühlt.
Wie ich Yoga als ergänzende Ressource bei OCD verstehe, beschreibe ich auch in meinem Beitrag „Yoga bei OCD: Sanfte Kraft statt Kontrolle“.
Gerade für Menschen mit OCD kann Körperwahrnehmung allerdings auch herausfordernd sein. Deshalb ist mir ein traumainformierter Umgang mit Yoga besonders wichtig.
Mehr dazu findest du in meinem Artikel „Ein sicherer Ort im eigenen Körper: Wie Yoga Menschen mit OCD dabei unterstützen kann“.
Yoga kann eine wertvolle Ergänzung sein. Die wissenschaftliche Evidenz für eine gezielte Behandlung von Zwangssymptomen durch Yoga ist bislang begrenzt.
Eine kleine Yogaübung für mehr Sanftheit
Finde eine bequeme Sitzposition auf einem stabilen Stuhl und stelle deine Füße auf den Boden.
Nimm dir einen Moment Zeit, dich im Raum umzusehen. Vielleicht entdeckst du etwas, das dir angenehm oder vertraut erscheint.
Beginne anschließend langsam deine Schultern Richtung Ohren zu bewegen und lass sie wieder sinken.
Wiederhole die Bewegung einige Male in deinem eigenen Tempo.
Vielleicht möchtest du sie etwas kleiner werden lassen oder eine Pause einlegen.
Stelle dir dabei die Frage:
„Was würde mir gerade etwas mehr Sanftheit ermöglichen?“
Vielleicht entsteht eine Antwort. Vielleicht bleibt die Frage offen.
Anschließend kannst du deine Aufmerksamkeit wieder dem Raum um dich herum zuwenden und deinen Tag fortsetzen.
Sanftheit darf im Kleinen beginnen
Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie viel es bewirken kann, wenn wir freundlicher mit uns selbst umgehen.
Gerade mit einer Zwangsstörung, die häufig von Zweifeln, innerem Druck und dem Wunsch nach Kontrolle begleitet wird.
Sanftheit kann bedeuten, eine Pause einzulegen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen oder sich Mut zuzusprechen.
Auch weiterhin wird es Tage geben, an denen uns das schwerfällt. Das gehört zum Leben.
Vielleicht ist Sanftheit deshalb weniger ein Zustand, den wir erreichen müssen, und mehr eine Haltung, die wir immer wieder üben können.
Ein klein wenig mehr Freundlichkeit uns selbst gegenüber. Gerade dann, wenn es schwierig wird.
Sanftheit in meinen YOCD-Yogastunden
Im November widmen wir uns auch in meinen YOCD-Yogastunden dem Thema Sanftheit.
Mit achtsamen Bewegungen, ruhigen Haltungen, bewusster Atmung und kleinen Momenten der Selbstwahrnehmung möchte ich einen Raum schaffen, in dem du dir selbst mit etwas mehr Freundlichkeit begegnen kannst.
Wenn dich das anspricht, findest du alle Informationen und Termine auf yocd.de
Ich freue mich, wenn wir gemeinsam praktizieren.
Deine Jess 💚
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