Mit Unsicherheit präsent sein – mit OCD den Alltag weiterleben

mit Unsicherheit präsent sein

Vielleicht kennst du diesen Moment: Du möchtest mit deinem Tag weitermachen. Doch da ist noch ein Zweifel.

Habe ich etwas übersehen? Habe ich die Oberfläche berührt? Kann ich meiner Erinnerung vertrauen?

Ich lebe selbst mit einer Zwangsstörung und weiß, wie dringend sich der Wunsch nach Gewissheit anfühlen kann. Und wie erschöpfend es ist, wenn auf eine Antwort schon die nächste Frage folgt.

Für mich bedeutet dieser Umgang, einen anderen Weg mit offenen Fragen zu üben. Dabei begleitet mich ein Gedanke:

Ich kann mich meinem Leben zuwenden, während noch etwas ungeklärt ist.

Warum Unsicherheit bei OCD so viel Raum einnimmt

Bei einer Zwangsstörung können aufdringliche Gedanken, Bilder oder Impulse mit Angst, Ekel, Anspannung oder einem Gefühl von Unvollständigkeit verbunden sein. Kontrollieren, Waschen, Rückversichern oder andere Zwangshandlungen können kurzfristig Erleichterung bringen. Langfristig können sie den Zwangskreislauf jedoch aufrechterhalten oder verstärken.

Auch wiederholtes gedankliches Durchgehen, Prüfen oder Analysieren kann eine mentale Zwangshandlung sein. Nach außen bleibt sie oft unsichtbar, innerlich kann sie viel Kraft kosten.

Dass es schwerfällt, eine Frage offen zu lassen, verdient Verständnis. Zugleich ist es möglich, schrittweise einen anderen Umgang damit zu lernen.

Präsenz trotz innerer Unruhe

Präsenz braucht keinen leeren Kopf. Du kannst einen Zweifel bemerken und zugleich dem Menschen zuhören, der gerade mit dir spricht.

Der Gedanke taucht vielleicht weiterhin auf, die Anspannung ist noch spürbar UND du nimmst am Gespräch teil.

Für mich heißt das, den Kontakt zum Leben zu behalten, während Zweifel da sind.

Akzeptanz bedeutet dabei nicht, dass du die Unsicherheit gutheißen oder angenehm finden musst. Gemeint ist eher, die gegenwärtige Erfahrung wahrzunehmen, ohne sie sofort durch Zwangshandlungen oder andere Absicherungen beseitigen zu müssen. Das kann ein therapeutisches Lernziel sein und sollte bei OCD möglichst fachlich begleitet werden.

Wie Therapie den Umgang mit Unsicherheit unterstützen kann

Die kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionen mit Reaktionsmanagement ist der psychotherapeutische Goldstandard bei OCD. Dabei begegnest du gemeinsam mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten geplanten Auslösern und übst, zugehörige Zwangshandlungen und Absicherungen auszulassen. So können neue Erfahrungen im Umgang mit Unsicherheit entstehen.

Die Acceptance and Commitment Therapy, kurz ACT, richtet den Blick zusätzlich auf Akzeptanz und persönliche Werte. Sie ist bei OCD weniger umfassend untersucht als KVT mit Expositionen. Eine Frage daraus passt für mich besonders zum Thema:

Was ist mir jetzt wichtig, auch wenn Unsicherheit mit dabei ist?

Vielleicht möchtest du einem Menschen zuhören oder deinen Spaziergang fortsetzen. Das kann deinem nächsten Schritt eine Richtung geben.

Sanftes Yoga als Ergänzung

In meiner Arbeit als Yogalehrerin möchte ich Raum für Körperwahrnehmung und Wahlmöglichkeiten schaffen.

Du kannst eine Bewegung kleiner machen, deine Augen geöffnet lassen oder eine körperlich passende Variante wählen. Gedanken und Unruhe dürfen dich dabei begleiten.

Auch eine unruhige Yogapraxis kann Raum für Präsenz bieten.

Wichtig ist mir dabei: Yoga bleibt eine Ergänzung zur Behandlung. Die wissenschaftliche Evidenz für Yoga als spezifische Behandlung von OCD ist derzeit begrenzt. Eine Yogastunde sollte deshalb keine Psychotherapie ersetzen.

Mit Unsicherheit präsent sein – eine sanfte Balanceübung

In einer Balancehaltung kannst du kleine Veränderungen deines Gleichgewichts wahrnehmen. Vielleicht schwankst du etwas und findest deinen Stand wieder. Diese Erfahrung passt für mich zum Umgang mit Unsicherheit.

  • Stelle dich neben einen stabilen Stuhl und lege, wenn du magst, eine Hand auf die Lehne. Lass deinen Blick auf einem ruhigen Punkt vor dir ankommen.
  • Verlagere dein Gewicht langsam auf den rechten Fuß. Stelle die linke Ferse an den rechten Knöchel; die linken Zehen bleiben am Boden. So entsteht eine sanfte Variante des Baumes.
  • Bleibe für einige natürliche Atemzüge. Vielleicht bemerkst du kleine Ausgleichsbewegungen oder den Wunsch, ganz still zu stehen.
  • Du kannst schwanken und dabei präsent sein. Deinen Stand verändern. Beide Füße wieder abstellen.
  • Kehre in einen bequemen Stand zurück und probiere anschließend die andere Seite, wenn es für dich passt.

Die Übung darf enden, während noch Unruhe da ist. Für mich liegt darin eine Einladung: mit Unsicherheit präsent sein und einen nächsten Schritt wählen.

Dein Leben darf Raum bekommen

Ich lebe heute ein schönes Leben mit OCD. Unsicherheit gehört weiterhin dazu.

Für mich bedeutet Freiheit auch, an meinem Leben teilzunehmen, während Fragen offenbleiben. An manchen Tagen fällt das leichter, an anderen brauche ich mehr Unterstützung.

Vielleicht beginnt dieser Weg genau dort: bei einem kleinen Schritt in deinen Alltag, mit allem, was gerade da ist.

Wenn dich eine sanfte, traumainformierte Yogapraxis anspricht, findest du auf YOCD.de Informationen zu meinem Angebot.

Dieser Beitrag verbindet meine Perspektive als Erfahrungsexpertin und Yogalehrerin mit fachlichen Informationen. Er ersetzt keine individuelle Psychotherapie. Bei erheblicher Belastung oder einer Verschlechterung der Symptome wende dich bitte an eine qualifizierte Fachperson.


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