
Lange dachte ich, dass Grenzen etwas mit Härte zu tun haben. Dass ich mich schützen muss. Dass ich stark sein muss. Dass ich lernen muss, „Nein“ zu sagen.
Heute fühlt sich Abgrenzung für mich ganz anders an. Eher wie eine Frage nach innen „Was brauche ich in diesem Moment?“
Gerade für uns Menschen mit einer Zwangsstörung kann diese Frage ungewohnt sein. Viele von uns haben über Jahre gelernt, sich an ihren Ängsten zu orientieren. An den Forderungen des Zwangs. An dem, was verhindert werden soll. Die eigenen Bedürfnisse rücken dabei oft in den Hintergrund.
Was Kontaminationszwänge mit Abgrenzung zu tun haben
Im Sommer 2024 durfte ich im Rahmen meiner Tätigkeit für die DGZ Prof. Wittorf kennenlernen, den Leiter der Spezialambulanz für Zwangsstörungen des Uniklinikums Tübingen. Während unseres Gesprächs hat er aus seiner klinischen Erfahrung beschrieben, dass sich für manche Menschen mit Kontaminationszwängen ein Blick auf das Thema Abgrenzung lohnen kann.
Das bedeutet keineswegs, dass mangelnde Abgrenzung die Ursache einer Zwangsstörung wäre. Eine Zwangsstörung entsteht nach heutigem wissenschaftlichem Stand durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Dennoch kann es sinnvoll sein zu erforschen, welche Rolle Grenzen im eigenen Leben spielen.
Viele Betroffene berichten beispielsweise, dass sie
- Schwierigkeiten haben, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen,
- Verantwortung für das Wohl anderer übernehmen,
- Konflikten lieber aus dem Weg gehen,
- sich selbst hohe Ansprüche auferlegen,
- lange funktionieren, obwohl die eigenen Ressourcen erschöpft sind.
Natürlich trifft das längst nicht auf alle Menschen mit Kontaminationszwängen zu. Therapie bedeutet deshalb immer, gemeinsam herauszufinden, welche Themen zur eigenen Geschichte gehören.
Abgrenzung bedeutet Verbindung
Inzwischen habe ich mich mit dem Thema auch auseinander gesetzt und ich mag das Wort Abgrenzung sehr. Vielleicht, weil ich es heute anders verstehe. Abgrenzung fühlt sich für mich heute wie eine Verbindung mit mir an.
- Mit meinem Körper.
- Mit meinen Gefühlen.
- Mit meinen Bedürfnissen.
- Mit meinen Werten.
Je besser ich wahrnehme, was in mir geschieht, desto leichter fällt es mir, Entscheidungen zu treffen, die sich stimmig anfühlen. Dann brauche ich keine harte Mauer. Eine klare innere Orientierung genügt oft. Versteh mich bitte nicht falsch, ich übe auch immer noch. Doch je öfter wir üben, umso leichter gelingt es uns, uns mit uns zu verbinden.
Warum Yoga dabei unterstützen kann
Genau hier beginnt für mich die Verbindung zwischen Yoga und Zwangsstörung. Im Yoga geht es für mich darum, wahrzunehmen.
- Wie fühlt sich mein Körper heute an?
- Wo halte ich Spannung?
- Wo entsteht Weite?
- Was verändert sich, wenn ich eine Haltung etwas anpasse?
Diese Fragen wirken auf den ersten Blick schlicht. Für viele von uns Menschen mit einer Zwangsstörung sind sie jedoch alles andere als selbstverständlich. Viele Betroffene verbringen einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit im Kopf. Wir überprüfen Gedanken, analysieren Gefühle und suchen Gefahren. Dabei gerät der Körper leicht in den Hintergrund. Yoga lädt die Aufmerksamkeit sanft wieder in den Körper ein und genau das scheint auch wissenschaftlich bedeutsam zu sein.
Yoga kann die Körperwahrnehmung, Emotionsregulation und den Umgang mit Stress fördern. Diese Faktoren spielen ebenfalls bei der Behandlung einer Zwangsstörung eine wichtige Rolle.
Kurzer Disclaimer: Yoga ersetzt keine kognitive Verhaltenstherapie und keine Expositionen mit Reaktionsmanagement! Yoga kann einen Raum schaffen, in dem wir unseren Körper wieder als sicheren Bezugspunkt erleben. Und manchmal beginnt genau dort etwas Neues.
Warum mein YOCD-Unterricht anders aussieht
Als selbst Betroffene weiß ich, dass manche Aussagen aus klassischen Yogastunden für Menschen mit OCD schwierig sein können. Ein Satz wie „Du bist nicht deine Gedanken.“ kann für viele Menschen zwar hilfreich wirken.
Bei einer Zwangsstörung kann genau dieser Satz jedoch schnell zur nächsten Grübelschleife werden.
„Was, wenn ich es doch glaube?“
„Müsste ich das jetzt fühlen?“
„Warum gelingt mir das nicht?“
Deshalb verzichte ich in meinem YOCD-Unterricht auf viele Aussagen, die Druck erzeugen oder als neue Regel verstanden werden könnten.
Auch Spiritualität spielt in meinen Stunden so gut wie keine Rolle.
Viele meiner Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschen sich einen Raum, der wissenschaftlich fundiert ist und gleichzeitig warm, menschlich und traumainformiert gestaltet wird.
Meine Stunden orientieren sich deshalb an Erkenntnissen aus
- der kognitiven Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement (ERP),
- der Acceptance and Commitment Therapy (ACT),
- Nervensystemregulation,
- Körperwahrnehmung,
- traumasensiblem Yoga.
Mir geht es darum, Erfahrungen anzubieten. Jeder Mensch entscheidet selbst, was sich stimmig anfühlt.
Grenzen können im Körper entstehen
Vielleicht beginnt Abgrenzung viel früher, als wir denken. Vielleicht in dem Moment, in dem wir bemerken:
- Meine Schultern ziehen sich hoch.
- Mein Atem wird flacher.
- Mein Bauch fühlt sich eng an.
- Ich brauche gerade eine Pause.
- Ich wünsche mir Unterstützung.
- Ich möchte heute freundlich mit mir sprechen.
Diese Signale wahrzunehmen bedeutet für mich gelebte Abgrenzung.
Was ich selbst gelernt habe
Meine Zwangsstörung hat mich viele Jahre gelehrt, ständig nach Sicherheit zu suchen. Yoga hat mir etwas anderes gezeigt.
- Dass Sicherheit manchmal entsteht, wenn ich meinem Körper wieder zuhöre.
- Dass Grenzen freundlich sein dürfen.
- Dass ich niemandem etwas beweisen muss.
- Und dass ich Schritt für Schritt lernen kann, mich selbst wahrzunehmen, bevor der Zwang entscheidet, was ich brauche.
Vielleicht beginnt genau dort eine Form von Freiheit.
Fazit
Abgrenzung bedeutet für mich heute keinen Rückzug aus der Welt. Sie ist eine Verbindung mit mir selbst. Je besser ich meinen Körper wahrnehme, desto leichter erkenne ich meine Bedürfnisse. Je klarer ich meine Bedürfnisse kenne, desto leichter gelingt es mir, Grenzen zu setzen, die sich stimmig anfühlen.
Vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen, die Yoga Menschen mit einer Zwangsstörung schenken kann. Eine Einladung, sich selbst wieder ein Stück näherzukommen.
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