– und warum Sprache bei Zwangsstörungen so wichtig sein kann

Vielleicht beginnt Heilung bei einer Zwangsstörung (OCD) nicht zuerst mit neuen Techniken oder Strategien.
Vielleicht beginnt sie mit etwas viel Subtilerem: mit der Sprache, die wir für uns selbst verwenden.
Begriffe wie Zwangsmonster, innerer Feind oder Gegner sind im Zusammenhang mit OCD weit verbreitet. Sie sollen Mut machen und Kampfgeist erzeugen.
Für mich haben sie jedoch genau das Gegenteil bewirkt.
Warum Sprache bei Zwangsstörungen eine so große Rolle spielen kann
Sprache ist nicht neutral.
Worte erzeugen Bilder und Bilder können unser Nervensystem beeinflussen.
Wenn ich meine OCD als Monster bezeichne, entsteht automatisch ein innerer Kampf. Ein Teil von mir wird zum Feind erklärt.
Dabei ist eine Zwangsstörung keine fremde Macht, die plötzlich auftaucht.
Sie ist u.a. ein Ausdruck eines hochsensiblen Nervensystems, das gelernt hat, übermäßig auf Sicherheit bedacht zu sein.
Meine OCD ist kein Monster
Ein Monster muss bekämpft, besiegt oder ausgelöscht werden.
Doch ich habe gemerkt: Je mehr ich gegen meine Zwänge kämpfe, desto unsicherer werde ich innerlich.
Heilung bei OCD fühlt sich für mich nicht wie ein Sieg an.
Sondern wie ein langsames Zurückfinden zu mir selbst.
Ich kämpfe nicht gegen mich.
Ich lerne, mich zu verstehen.
Warum ich meinen Zwang als Helfer bezeichne
Heute spreche ich vom Zwang als Helfer.
Von einem inneren Anteil, der eigentlich etwas Gutes will: Schutz.
Dieser Helfer kann heute in stressigen Situationen bei mir überaktiv werden.
Er kann Alarm melden, wo keine echte Gefahr ist.
Er kann absolute Sicherheit verlangen, wo Leben Unsicherheit bedeutet.
Aber seine Grundintention ist nicht Zerstörung, sondern Schutz.
Diese Perspektive verändert meine Beziehung zu meiner OCD grundlegend.
Vertrauen statt innerer Gewalt
Wenn ein Zwangsgedanke auftaucht, muss ich ihn nicht bekämpfen oder beschimpfen.
Ich darf ihn wahrnehmen – ohne ihm zu folgen.
Ich habe dich gehört.
Und ich entscheide mich trotzdem anders.
Das ist für mich kein Verdrängen.
Es ist Selbstbestimmung.
Ein ruhiges, klares Bei-mir-Bleiben.
Freiheit beginnt in der Beziehung zu mir selbst
Ich glaube, dass Freiheit bei Zwangsstörungen nicht erst dann entsteht, wenn alle Symptome verschwunden sind. Sondern dort, wo wir aufhören, Teile von uns zu bekämpfen.
Vielleicht ist der Begriff Zwangsmonster für manche Menschen hilfreich.
Für mich ist er es nicht.
Ich wähle Worte, die Verbindung schaffen.
Weil Heilung für mich bedeutet, mir selbst ein sicherer Ort zu werden und
kein Ort, an dem ich gegen mich kämpfen muss.
Und vielleicht beginnt Vertrauen genau hier:
In der Art, wie wir über unsere OCD sprechen.
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